9 Jahre kleiner Beebie

Liebes Mittelkind,

nun ist dein 9. Geburtstag schon fast einen Monat her und dennoch möchte ich es mir nicht nehmen lassen, Dir diese Zeilen zu schreiben. Wie jedes Jahr. Wenn auch mit Verspätung.

Du bist uns bleibst einfach der Ruhepol dieser Familie. Egal wie aufgeregt oder stressig die Tage sind, Du sitzt mittendrin und bleibst die Ruhe selber. Manchmal macht mich das wahnsinnig, weil ich eben so völlig gegensätzlich eher permanent Hummeln im Hintern habe, aber so schaffst auch nur Du es, mich von einer Sekunde auf die andere zu völliger Ruhe zu bewegen. Aus dem Nichts stehst Du dann vor mir und willst kuscheln. Einfach so, 5 Minuten lang, egal was vorher war oder danach sein wird. Jemand sagte mal, dass Du so Deine Akkus auflädst, aber ich glaube viel eher, dass Du so meine Akkus auflädst.

Aber Deine soziale Genügsamkeit ist manchmal auch hart. Zum Beispiel wenn wir was unternehmen wollen und Du einfach keine Lust hast. Dann hast Du eben keine Lust und wir können uns auf den Kopf stellen, um Dich zum mitmachen zu motivieren. Ausflüge findest Du grundsätzlich erst mal doof, bis aber zum Schluss dann doch das Kind, das am meisten genießt und aufsaugt.

Du bist unser kleiner Baby-, Tier- und Pflanzenflüsterer. Sowohl kleine Kinder wie auch Tiere fühlen sich magisch zu Dir hingezogen und Du begegnest ihnen mit so viel Ruhe und Zugewandtheit, dass Du ihre Herzen im Sturm eroberst. Dein grüner Daumen ist zudem echt bemerkenswert, bedenkt man mal, dass in diesem Haushalt noch jede lebendige Pflanze ein schnelles Ende gefunden hat. Es sei denn, Du adoptierst sie und kümmerst dich darum. Dann blüht auch der Weihnachtskaktus im Frühjahr.

Hitze ist Dein Endgegner und Sonne Dein Feind. Schon als Du ganz klein warst hast Du Rotz und Wasser geheult, wenn Dir die Sonne ins Gesicht schien. Aber sobald es draußen eiskalt ist und Schnee liegt bist Du nicht mehr ins Haus zu bekommen. Selbst wenn Du nach Stunden bis auf die Unterhose nass und durchfroren bist. Kälte macht Dir gar nichts aus.

Schule ist für Dich oft eine lästige Pflicht. So oft erklärst Du mir, dass man dieses und jenes gar nicht braucht und die dutzend Wiederholungen einfach nur nerven und langweilig sind. Da bist Du auch für Erklärungen, dass man das Meiste sehr wohl im Leben später mal brauchen kann, unempfänglich. Wenn Dir aber ein Thema liegt, wie zum Beispiel die meisten Sachkundethemen, Musik oder Kunst, dann blühst Du auf und arbeitest gerne noch freiwillig zuhause daran weiter.

Du liest nicht gerne. Da ist es auch völlig egal, welches Buch man Dir vorlegt, ob das Thema perfekt auf Deine Interessen abgestimmt ist: Lesen ist und bleibt für Dich einfach eine Qual, wohlgleich Du sehr schön lesen kannst. Wenn Du Dich doch mal dazu herablässt, dann liest Du mit so viel Betonung und Mimik, dass es fast an ein Schauspiel erinnert, dem ich gerne zuhöre und folge.

Aufmerksamkeit verträgst Du nach wie vor nur in kleinen Dosen und dann auch nur von wenigen Menschen. Da war es schon ein riesen Schritt, als Du vor 2 Jahren in den Schulchor eingetreten bist und seitdem jeden Montag selbstständig daran denkst und die Stunden nie freiwillig verpassen würdest.

Seit Winter des vergangenen Schuljahrs besuchst Du die OGS nicht mehr und kommst nach der Schule direkt nach Hause. Die gemeinsame Hausaufgabenzeit ist eine Qual für alle Beteiligten. Machen wir uns nichts vor. „Ich kann das nicht!“, „Das ist viel zu viel!“, „Das schaffe ich nie!“ sind Random-Sätze, die hier täglich fallen. Inzwischen habe ich verstanden, dass das eine Art Vorspiel für Dich ist, um von Deinen hohen Erwartungen an Dich selber nicht enttäuscht zu werden. Denn wenn Du dann endlich einmal anfängst, fällt Dir die Arbeit sehr leicht. Und doch haben Deine ständigen Erklärungen, Du könntest das alles gar nicht und Du verstehst es auch nicht, dazu geführt, dass ich Dich schulisch völlig falsch eingeschätzt habe. Dein Zeugnis spricht nämlich eine ganz andere Sprache. Ich wünschte, Du würdest endlich erkennen und annehmen, dass Du diese Dinge sehr wohl kannst und auch schaffst. Es würde Dir so viel selbstauferlegten Druck nehmen.

Ich habe kurz überlegt ob ich hier auch etwas zu Deinem Essverhalten schreiben soll. Aber seien wir ehrlich: wir beide wissen wie es aussieht und ich hoffe nach wie vor stark, dass wir in 10 Jahren darüber lachen werden, dass Du Dich eine Zeit lang (wenn auch eine sehr lange) nur von Nudeln ohne alles, Müslibrei und Lachs-Makis ernährt hast.

Wenn ich Dich mit nur einem Wort beschreiben müsste, dann wäre dieses Wort genügsam. Egal in welchen Bereich, Du bist ein wahrer Minimalist in so vielen Dingen. Du brauchst so gut wie kein Spielzeug, kein Entertainment durch Dritte, keine neuen Klamotten, kaum Essen … das Einzige, was Du wirklich in großen Mengen brauchst ist Körpernähe und Zugewandtheit.

Du hast gute Freunde und bist allgemein beliebt. Du hast sehr selten Konflikte und wenn doch, kannst Du diese alleine klären. Ungerechtigkeit kannst Du nach wie vor gar nicht ertragen und so musstest Du im letzten Schuljahr lernen, dass man sich nie, aber auch wirklich niemals in den Streit zwischen zwei Mädchen einmischt, auch wenn Du mit den besten Absichten gehandelt hast. Zum Schluss warst Du der Böse. So nachtragend und enttäuscht habe ich Dich lange nicht erlebt.

Aber Du gibst gut auf Dich acht, erkennst Deine Bedürfnisse sofort und gibst diesen den Umständen entsprechend nach. Du bist müde oder erschöpft? Also ruhst Du Dich aus. Du bist sauer oder verletzt? Also ziehst Du Dich zurück, bis es Dir besser geht. Wenn man Deine Grenzen nicht respektiert oder willentlich darüber hinweg trampelt, kannst Du wie eine Splittergranate explodieren. BOOM!

Dein Humor ist der aller-allerbeste und Dein Lachen das ehrlichste, das ich kenne. Niemand kann andere Menschen mit seinem Lachen so schnell anstecken, wie Du.

Du bist schon ein ganz besonderer Mensch. Einer von der Art, wie sie mir noch nicht oft im Leben begegnet sind und von denen es doch viel mehr geben sollte.

Weil es an Deinem Geburtstag so heiß war, wolltest Du keinen Kuchen, damit ich in der Affenhitze nicht auch noch backen muss. So einer bist Du nämlich. Aufmerksam, mitdenkend, liebevoll. Und so gab es an Deinem Geburtstag dann keinen Kuchen, sondern eine große Palatschinken-Nutella-Torte, die wir zum Schluss alle sogar viel geiler fanden, als einen schnöden Kuchen!

Liebstes Mittelkind, Du hast es gerade nicht ganz leicht. 9 zu sein bringt auch viele Entwicklungen, Erwartungen und Aufgaben mit sich, denen Du Dich jetzt vielleicht noch nicht stellen willst. Aber ich bin mir sehr sicher, dass wir in einem Jahr gemeinsam auf dieses 10. Lebensjahr zurück blicken und feststellen werden: Du hast das alles ganz super gemacht, auch wenn Du Dir das anfänglich noch gar nicht zugetraut hast.

Und so wächst Du jedes Jahr ein Stückchen mehr zu einem selbstbewussten jungen Kerl heran. Stück für Stück, in kleinen Schritten. Sei Dir bitte gewiss: niemand möchte an Dir ziehen oder Dich verbiegen. So, wie Du bist und wie Du Deinen Weg gehst, ist es für Dich völlig richtig. Du bist und bleibst mein kleiner Beebie!

Wir lieben Dich sehr.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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8 Gedanken zu „9 Jahre kleiner Beebie

  1. Es ist eine solche Freude zu lesen, wie sehr du deine Kinder siehst. Wie liebevoll du sie charakterisierst treibt mir beim lesen die Tränen in die Augen.

    Alles Gute nachträglich zum 9. Geburtstag!

    Liebe Grüße aus Königswinter,
    Manuela

  2. Ach, was für ein wundervoller Text. Die Liebe liest man in jedem Satz. Ich find das so eine tolle Tradition, dass du deinen Kindern zu ihren Geburtstagen so liebevolle Texte schreibst. Nachträglich alles Gute dem Mittelkind. :)

  3. Liebe Pia! Sehr sehr offen und liebevoll geschrieben, Glückwunsch zu Deinen Zeilen aber insbesondere zu dem tollen Mittelkind. Ja, so ist das, Mittelkinder sind schon eine sehr spezielle Sorte 😘
    Grüße aus Rheinhessen!

  4. Liebe Pia! Es berührt mich sehr diese Zeilen zu lesen. Toll, dass du dir die Zeit nimmst und solch liebevolle Worte findest. Schön, wenn man so gesehen wird!

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