Bis einer heult! • Mein kleines Wochenbett-Trauma
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17. Februar 2012 | Pia Drießen

Mein kleines Wochenbett-Trauma

Vergangene Nacht träumte ich  vom Wochenbett. Es war mehr ein Flashback, als das Vorträumen des bevorstehenden Wochenbetts. So richtig präsent waren die Einzelheiten heute Morgen dann auch nicht mehr, aber das Thema beschäftigte mich den ganzen Morgen und ich erinnerte mich beim Zähneputzen, beim Anziehen und auf dem Weg zur Arbeit.

Mein erstes Wochenbett war der blanke Horror. Für mich. Es gibt sicher Schlimmere, aber mir hat es gereicht.

Nachdem die Geburt sehr langwierig und alles andere als flüssig war (erst bekam ich ein Wehen förderndes Mittel, weil ich an einer hormonell bedingten Wehenschwäche litt, was bedeutet, dass ich zwar viele, schnelle Wehen hintereinander hatte, diese aber nicht stark genug waren. Dann wieder einen Wehenhemmer, dann nach 12 Stunden doch noch eine PDA, dann wieder Wehen fördernde Mittel … 22 Stunden, in denen ich Geburtswehen hatte …), war ich körperlich und selig völlig am Ende. Schon unter der Geburt hatte ich mich anhaltend erbrochen. Wenige Minuten nach der Entbindung schlief ich vor lauter Erschöpfung im Sitzen ein. Das war irgendwie kein so schöner Start.

Die folgenden Tage im Krankenhaus waren sehr durchwachsen. Rein psychisch war ich auf hohem Seegang. Von Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Ich versagte beim Stillen gänzlich und bin mir heute sicher, dass ich mit einer besseren mentalen Verfassung auch den Quietschbeu hätte stillen können. Ich bekam in einem unheimlichen 6stündigen Rhythmus Fieberschübe von 40 Grad und höher. In diesen Phasen konnte ich weder mein Baby halten noch nahm ich Besuch wahr.

Man diagnostizierte schnell, dass irgendwo in meinem Körper ein Entzündungsherd vor sich hin brühtete, konnte leider aber nicht ansatzweise ermitteln wo oder was das sein mochte und so wurde ich ausschließlich mit Paracetamol therapiert. Letztendlich bedeutete das: stieg das Fieber über 40 Grad bekam ich 2 Paracetamol. Das ging bis zu sechs Stunden gut, ich war fit und konnte den Quietschbeu versorgen und betüddeln. Dann kam die nächste Fieberwelle und die nächsten Paracetamol-Tabletten. Von diesem Auf und Ab total geschwächt gab ich an Tag zwei oder drei die Stillversuche heulend dran.

Ich wollte gerne nach Hause nachdem die Umstellung des Quietschbeus auf die Flasche gut funktionierte, aber auf Grund der anhaltenden Entzündung und meiner Verfassung ließ man mich nicht. Ich fühlte mich unwohl, weil mein Baby sehr schrill und laut war – eben der Quietschbeu – und ich von anderen Müttern als „die arme Mutter mit dem schrecklich schrillen Baby!“ bezeichnet wurde. Das brach mir mein ohnehin schon Hormongebeuteltes Herz. Da ich mich nun gegen das Stillen entschlossen hatte, saß ich wie eine Aussätzige im Stillzimmer, wenn ich den Kleinen einfach mal in Gesellschaft füttern wollte. Von Selbstzweifeln zerfressen suggerierte mir mein Umwelt in den ersten 4 Lebenstagen meines ersten Sohnes unwissend und vermutlich auch unbeabsichtigt fortlaufend, dass ich völlig versagen würde. Und ich hab das geglaubt.

An Tag 5 war ich mit den Nerven so am Ende, dass ich mich gegen den Rat der Ärzte entlassen ließ. Auf dem Heimweg hielten wir an einer Apotheke um Paracetamol für mich zu kaufen. Ich orderte fälschlicherweise Ibuprofen und bemerkte das erst nach dem bezahlen, woraufhin ich mitten in der Apotheke einen Nervenzusammenbruch erlitt.

Das war der letzte Tag, an dem ich so starkes Fieber bekam und Schmerzen hatte. Danach ging es zumindest körperlich immer weiter bergauf. Dennoch habe ich sehr lange gebraucht, bis ich das Haus mit dem Quietschbeu auch alleine verlassen wollte und konnte. In jedem Blick eines Fremden, und war er noch so warm und herzlich, sah ich Vorwürfe und Anklage, ich würde meinen Job als Mutter nicht gut machen. Das ging gute acht Wochen so … und endete mit dem Wochenfluss.

Hormone, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind schlimmer als jeder reale Feind. Sie machen Dich klein und sie machen Dich groß, nur leider sagen Sie Dir so gut nie wie, was Du wirklich bist und kannst.

Das Wochenbett mit dem Löwenmäulchen verlief gänzlich anders. Ich wusste, ich würde die beste Mutter sein, die ich eben sein kann. Das gab mir ausreichend Selbstvertrauen und Ruhe. So ein Wochenbette wünsche ich mir bitte wieder.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. FrauMuggel / Feb 17 2012

    *schluck* sehr schön geschrieben! Erinnert mich an meine Wochenbettzeit zurück, die auch alles andere als rosig war.

  2. Fräulein*Shafi / Feb 17 2012

    Ach Frau Miez, ich muss sagen, es tut mir gut sowas bei Ihnen zu lesen. Ich habe selbst noch keine Kinder – aber eben… noch! Das ändert sich (vielleicht) in den nächsten 2 Jahren. Und dann werde ich mich an Ihr Blog erinnern. Und werde denken: alles ganz normal, nicht verrückt machen.

    Deswegen: Danke, dafür dass Sie hier so offen schreiben ? !!! :))

  3. Pjaupe / Feb 17 2012

    Oh Mann, da war mein Wochenbett, von mir selbst als schrecklichst empfunden, ja doch noch ganz ok. Ich wünsche dir auf jeden Fall wieder ein Löwenmäulchen-Wochenbett mit dem Maimiez!

  4. Kaddi / Feb 17 2012

    Ohje, da bekomme selbst ich einen Flashback… erstes Wochenbett? Katastrophe… nur mit dem Unterschied, dass ich gnatzig gestillt habe, trotz Milchstau, Schreibaby und der abfälligen Blicke und Bemerkungen der Hebammen und Schwestern. Tatsächlich ging es mir erst besser, als ich mich nach 11 Tagen hin und her (Fieber, schlechtheilende Naht etc…) selbst entließ… weg von diesem garstigen Krankenhaus. Weg von der Lieblosigkeit und ja: den stummen Vorwürfen, wie dusselig die mich finden.

    Und hier noch die Aussichten: Kind zwei und drei machten mich zu einer völlig selbstbewußten und zufriedenen Wochenbettmami. Denen und der Welt hab ichs aber gezeigt. Liebe Grüße und alles Gute! Kaddi

    • Mama Miez / Feb 17 2012

      Ja, wobei das Problem bei mir definitiv an mir und nicht am Krankenhaus. Das Krankenhaus ist und war ein Traum. Beim Löwenmäulchen blieb ich freiwillig 3 Tage dort und beim Maimiez plane ich dort dann auch zwei Tage „Erholung“ ;)

      • Kaddi / Feb 17 2012

        Das ist schön, könnte auch dran liegen, dass meine erste Entbindung 1994 war. Fast zehn Jahre später war alles „kundenfreundlicher“. Kaddi

  5. Keks / Feb 17 2012

    Am schlimmsten ist ja, dass man während eines solchen „verkorksten“ Wochenbetts so ein bißchen die rosarote Babybrille abgenommen bekommt. Bevor das Kind da ist, stellt man sich das alles so toll und ganz natürlich vor und muss dann feststellen, dass es nicht ganz so einfach läuft wie gedacht. Aber auch bei mir war nach 6 Wochen alles wieder im einigermaßen grünen Bereich. Das lässt mich für die Geburt des zweiten in knapp sechs Wochen doch hoffen (auf jeden Fall aufmunternd, dass scheinbar das zweite Wochenbett etwas entspannter läuft :))

  6. Marlene´s Mom / Feb 17 2012

    Also von diesen Schuldgefühlen muss man sich mal schleunigst frei machen. Du hast das Kind bekommen, du bist die Mama, du machst das schon. Die doof Guckenden kennen ja die Story nicht. Minime hat sich auch total quer gestellt beim stillen, schon im Kranmkenhaus und ich hab gleich gesagt, wenn se nich will, die Dusselbacke, dann kriegt se Fläschchen. Geschockte Blicke im Krankenhaus von den anderen, „perfekten“ Müttern. Ich fragte dann bloß, ja soll se verhungern oder was?! Da war Ruhe.
    Beim dritten Kind, weißt di doch hoffentlich, dass du ne super Mama bist! Und zur Not einfach schonmal ein paar gute Sprüche parat legen! Bissl Zeit haste ja noch :-)

  7. popela / Feb 17 2012

    Danke für diesen Eintrag! Jetzt, wo mir das unmittelbar bevorsteht, konnte ich in den letzten Wochen Dank Ihnen und anderen offenen Blog- und Twittermamas die „Rosababybrille“ etwas ablegen und stattdessen was viel Wichtigers lernen: Es ist, wie es ist, überall anders, aber egal, was passiert, man kann es schaffen. DANKE!

  8. Tine / Feb 17 2012

    Krass. Da bin ich fast froh, dass ich mein Wochenbett nicht wahr genommen habe. Weil wir zwischen der Babyintensiv und zu Hause hin und her gependelt sind. Weil ich in diesen acht Wochen der letzte Mensch war, um den ich mir Sorgen machte. Dieses Wochenbett wünsche ich jedoch auch keinem.

    Und auch wenn der Start beschwerlich war: So wie ich das beurteilen kann, sind Sie doch eine ganz wunderbare Mama. Miez. ;)

  9. RALV / Feb 17 2012

    Dieser Stillterror ist doch wirklich unglaublich. Unter was für einen Druck man sich da setzt. Ich drück Dir feste die Daumen, dass das nächste Wochenbett wunderschön wird. Aber ich bin auch sicher, dass jede Erfahrung einen stärker macht, und Du die Kennenlernzeit jetzt in jedem Fall genießen kannst, stillend oder nicht, und trotz der obernervigen Hormonschübe.
    Liebe Grüße
    RALV

  10. Frieda / Feb 17 2012

    Liebe Frau Miez,
    lange lese ich hier schon mit und ich drücke Ihnen die Daumen für den Mai!

  11. Yseult / Feb 17 2012

    Hormone, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind schlimmer als jeder reale Feind. Sie machen Dich klein und sie machen Dich groß, nur leider sagen Sie Dir so gut nie wie, was Du wirklich bist und kannst.

    Wunderbar. Wie unglaublich wahr, wie unglaublich erbauend, das zu lesen. Gerade als Mutter und Frau sollte man sich das jeden Tag vor dem Aufstehen nochmal sagen lassen.

    Danke dafür.

    • Gnomenhexe / Feb 18 2012

      Vielen Dank,

      auch wenn es bei mir andere Hormone sind, aber diesen Spruch werde ich mir einrahmen. Der ist so wahr und treffend, und ich danke Ihnen und allen anderen Frauen, die mich und so viele andere an ihrem Leben teilhaben lassen dafür.

      So etwas baut mich immer wieder auf.

      Vielen vielen dank und alle guten Wünsche für Sie& das Maimiez und die Jungs.

  12. Eva / Feb 17 2012

    …wenn ich das so lese, stelle ich fest, was für entspannte wochenbettzeiten ich hatte, obwohl mit hausgeburt und selbständig arbeitenden mann, der sich eben genau DANN nicht frei nehmen konnte, auch öfters mal tohuwabohu herrschte.
    bei nr. 3 konnte ich dann auch richtig deligieren, weil ich genau wußte, was wichtig ist für mich und uns. und lag 5 tage IM BETT. das hat mich nach vorne gebracht!
    erst zur 3. schw.schaft bekam ich ein tolles buch, welches sich nur um das thema wochenbett drehte- da hab ich es eigentlich gar nicht mehr gebraucht.
    es gibt echt wenig nur zu diesem thema, hab ich festgestellt!
    dabei ist das sooo wichtig!
    lg eva

  13. Ursel / Feb 23 2012

    Ich wollte dich als erfahrene Bloggerin mal fragne, wie dich vorher über den Zustand des Krankenhauses informiert hat. Klar man hat normalerweise genug Freundinnen oder Verwandte die Erfahrungen haben. Leider bin ich in eine neue Stadt gezogen und kenn hier noch nicht soviel Leute. Jetzt will ich bald für meine erste Geburt ein Krankenhaus auswählen und weiß nicht so recht weiter. Mein erster Schritt war erstmal eine Übersicht über alle Krankenhäuser die überhaupt in Frage kommen. Wie geht ich nun weiter vor? Kann man die Krankenhäuser vorher mal besuchen. Ich will an dem Tag nicht einfach eine Nummer sein :(

    • Mama Miez / Feb 23 2012

      Alle Krankenhäuser mit Geburtsstation bieten in der Regel einen Informationsabend an, an dem man sich – wie der Name schon sagt – vor Ort über alles informieren kann. zudem gibt es meist eine Führung durch den Kreißsaal und die Wöchnerinnenstation. Normalerweise muss man sich zu solchen Info-Abenden nicht anmelden.

  14. Elli / Aug 31 2013

    So ähnlich ging es uns auch. Es hat so gut getan, deinen Horror mit deinen Humor gepaart zu lesen. Nicht nur ich war so drauf in den ersten Wochen. Danke für die Ehrlichkeit. Das macht Hoffnung, dass es besser wird. Hoffe, beim zweiten lief es besser.

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