Bis einer heult! • Von autonomen Zweijährigen
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16. Juni 2014 | Pia Drießen

Von autonomen Zweijährigen

Das Meedchen nimmt sich die schöne Bezeichnung „Terrible Two“ sehr zu Herzen, wie mir scheint. Seit zwei Wochen ist sie extrem fordern. Ich möchte es nicht anstrengend nennen, da „anstrengend“ doch sehr von meiner persönlichen Tagesform abhängt. Ja, manchmal empfinde ich es als anstrengend. Manchmal eben auch nicht. Sie will schon lange alles selber machen. Das hat sich nun aber noch einmal potenziert, was mir vor allem viel Geduld abverlangt. Zähne putzen (vom Zahnpasta drauf drücken über das Schrubben, ausspülen bis hin zum Gesicht waschen und Zahnbürste reinigen), Anziehen (auch gerne falsch herum oder erstmal versuchen ins Oberteil mit den Füßen einzusteigen), Essen (aus dem Kühlschrank nehmen, Tisch decken, selber öffnen/schneiden/portionieren, abräumen), etc. Wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, bekommen wir eine kleine bis extreme Krise. Auch je nach Tagesform. Von sauer den Teller wegschubsen, das Kleidungsstück in die Ecke pfeffern bis laut kreischend auf dem Boden wälzen ist alles dabei.

Sie verweigert aktuell jegliche Haargummis oder Haarspangen und hat dementsprechend oft Essensreste in den Haaren kleben. Damit kann man dann wiederum das Pony hübsch auf dem Gesicht streichen (höhö). Wenns Fräulein der Meinung ist, man müsse bei 30 Grad eine Sweatshirtjacke tragen, dann ist das so. Sie ist sehr wählerisch bei der Wahl ihrer Kopfbedeckung und akzeptiert dann auch nur diese. Meist genau die, die gerade nicht auf Anhieb zu finden ist.

MiezmeedchenDas Meedchen ist ständig dabei irgendwas zu suchen, finden, tun. Also so aktiv, dass man sie kaum aus den Augen lassen kann. Mal eben aufs Klo? Schon räumt sie den ganzen Kühlschrank aus und beißt alles mal an. Letztens hat sie einen Becher Sahne für Joghurt gehalten. Die Empörung können Sie sich gar nicht vorstellen. Auch beginnt die Dinge zu verweigern, zu denen sie keine Lust hat. War Aufräumen vor kurzen noch ein wahres Highlight, ignoriert sie meine Aufforderungen jetzt zu Tode. So liegen dann auch gerne mal 4 Puzzle und ein Steckspiel gleichzeitig auf dem Wohnzimmerfußboden. Da kann man dann aber prima noch einen kompletten Korb mit Spielzeug dazwischen drapieren.

Ja, und da wird dann eben meine Geduld gefordert. Immer wieder auffordern, doch bitte aufzuräumen und nach der dritten Aufforderung hingehen, an die Hand nehmen und gemeinsam aufräumen. Meist klappt das gut. Manchmal verschränkt sie die Arme und schiebt die Unterlippe vor. Wenn ich ihr dann aber genug Spielzeug auf den Schoß geladen habe und sie sich kaum noch bewegen kann, fängt sie dann doch noch an, einzuräumen. 

Sie quasselt wie ein Wasserfall auf uns alle ein. Das meiste ist gut zu verstehen, doch wenn wir an einen Punkt kommen, an dem ich ihr Anliegen nicht sofort begreife, wird sie fuchsteufelswild. So hat sie schon mal eine halbe Stunde damit zugebracht, ein und das selbe Worte immer und immer wieder, lauter und lauter, bis hin zu grellen schreien, zu wiederholen. Es war dann der Quietschbeu, der das Rätsel löste und dafür einen warmen liebevollen Blick erntete. Von ihr. Mich hat sie nur weiterhin strafend aus dem Augenwinkel angesehen.

Auch hat sie inzwischen sehr gut verstanden, dass man ja einen der großen Brüder  wunderbar instrumentalisieren kann, wenn ich mal nicht kann/will. Zum Beispiel isst sie momentan den ganzen Nachmittag. Sie kommt nach Hause und hat „Hunga!“ Dann gibt es einen Snack. Manchmal Brote, oft Obst oder Joghurt. Während die Jungs danach vom Tisch aufstehen und spielen, rennt das Meedchen erneut zum Kühlschrank, wühlt darin herum und isst zum Schluss Käse aus der Packung. Zum Beispiel. Ich unterbinde das dann oder biete vielleicht noch einen Apfel an. Am Anfang hat sie dann angefangen zu schreien und toben. Bis hin zu ganz großen Krokodilstränen. Da wir nun aber schon zwei mal den Fall hatten, dass sie sich so überfressen hat, dass sie anschließen ins Wohnzimmer bzw. Auto brach, gehe ich da keine Kompromisse mehr ein. Es gibt feste Essenszeiten und es ist immer ausreichend zu Essen für alle da. Inzwischen hat sie aber ganz wunderbar verstanden, ihre Brüder um den Finger zu wickeln. Dann kniet sie sich zum Beispiel vor den Quietschbeu: „Dooon? Hunga! Brot mache, Meina?“ Wenn er nicht sofort reagiert fügt sie gefühlte 100 „Büddö. BÜDDÖ!“ an, bis er aufsteht und ihr ein Brot schmiert. Als ich ihn letztens aufhalten wollte und das Meedchen daraufhin in Tränen ausbrach, sah der Quietschbeu mich nur hilfesuchend an. „Aber Mama, sie hat doch Hunger. Guck mal wie sie weint.“ Ja, was soll man DA noch entgegen? Er hat dann ein schlechtes Gewissen und sorgt sich um die Schwester. Mittlerweile habe ich ihm jedoch erklärt, dass sie ja genug Gelegenheiten hat, zu unseren gemeinsamen Mahlzeiten zu essen. Und dass es ganz sicher nicht seine Schuld ist, wenn sie weint. Er schickt sie nun als einfach wieder zu mir und ich darf die „Diskussion“ führen. Hurra.

Das Meedchen hat außerdem die Fürsorge für ihre Brüder entdeckt. Wenn sich einer wehtut oder weint, tröstet die hingebungsvoll. Mit Pusten und Küssen. Das Löwenmaul beugt sich ihr sogar entgegen, damit sie seinen Kopf streicheln kann. Wenn sie sich selber weh tut, weint sie selten laut oder lang. Gestern zum Beispiel stürzte sie mit dem Dreirad auf den Mund. Die riss sich das obere Lippenbändchen auf und biss sich zeitgleich auf die Unterlippe. Es blutete wie Sau! Sie beruhige sich nach 30 Sekunden auf meinem Arm und wollte dann direkt weiter spielen. Nicht mal den blutverschmierten Mund sollte ich säubern. Wehleidig ist sie nun wirklich nicht.

Ihr Verhältnis zur Toilette ist weiterhin ungetrübt. Sie geht regelmäßig nach dem Aufstehen und vor dem Zubettgehen (auch vor dem Mittagsschlaf) auf die Toilette. Natürlich auch hier wieder alles in SELBA! Also Klodeckel hochklappen, Hocker davor stellen, Windel ausziehen, auf die Toilette klettern, Pipi machen, Klopapier nehmen, abputzen, runter klettern, Deckel schließen, wieder auf die Toilette klettern, Abspülen, Windel wieder anziehen. Einzig das Weglassen der Windel ist ihr weiterhin unheimlich. Nur in Unterhose fragt sie ständig nach einer „Wind’l?“ und holt sich dann zur Not selber eine. Hat sie mal einen Pipiunfall ist das wie ein kleiner Weltuntergang. Sie ekelt sich, weint und erstarrt zur Salzsäule, bis man sie sauber gemacht hat und ihr eine Windel gebracht hat.

Seit nun 3 Wochen mag sie es, vorgelesen zu bekommen. Bisher hatte sie dafür nie genug Ruhe und musste immer schon im zweiten Satz umblättern, um zu gucken, was auf der nächsten Seite passiert. Jetzt schleppt sich ununterbrochen Bücher an und glitzert mich mit ihren Knopfaugen an: „Lese?“

Aktuell möchte sie jeden Abend „Lauras Stern“ hören, was schon zu einigen Auseinandersetzungen mit dem Löwenmaul führte, der lieber „Peter Pan“ hören wollte. Wir haben nun die Regel eingeführt, dass sie sich abwechselnd eine CD wünschen dürfen. Das haben beide tatsächlich gut angenommen. Dennoch fragt sie jeden Abend wieder „Laula Steeern?

Ihre definitiv am häufigsten genutzten Wörter sind:

  • Jusus (Löwenmaul)
  • Dooon (Quietschbeu)
  • Hunga (Hunger)
  • Esse (Essen)
    Brot, Päns (Pancakes, aber auch Waffeln), Jogu (Joghurt), Käs (Käse), Wosch (Wurst), Bärn (Heidel-, Him-, und Erdbeeren)
  • Dorsch (Durst)
  • kuuusch (kuscheln)
  • puuutze (Zähne putzen)
  • dusch (duschen)

Ihre schönsten Sätze sind:

  • „Jusus, spiele mid meina, büddö?“
  • „Dooon, Brot mache, meina?“
  • „Mama, kuuusch mid meina, ja?“

Das ist wirklich nur ein klitzekleiner Auszug ihres Sprachrepertoires. 

Neben all der Ungeduld und Verzweiflung einer Zweijährigen, zeichnet sie sich im Moment aber in erster Linie durch eines aus: einem herzlichen und laut hallenden Lachen. 

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. blumenpost / Jun 16 2014

    Ich musste grad sehr kichern bei einigen Stellen, weil sie mir sooo bekannt vorkommen.
    Grad gestern hab ich an den Begriff Terrible Two gedacht in Bezug auf das Julimädchen.
    Da kommt wohl ein spannendes Jahr auf uns zu. :D

  2. Sarah / Jun 16 2014

    Danke fürs teilen. Das ist sooooo schön zu lesen! <3

    Das mit den Wutanfällen ist bei uns auch erst mit dem Maderl eingezogen. :) So extrem kannte ich das von meinen Buben nicht.

  3. Sarah / Jun 16 2014

    Schön zu sehen, dass da ganz stark ein Rheinlandkind durchkommt „dooooorsch“ :)

  4. Sarah Mettke / Jun 16 2014

    Ich find ihre rheinische Aussprache (Wosch und Dorsch) ja mal super ;-) musste beim lesen laut lachen :-)

  5. Antje / Jun 16 2014

    Oh ja, das klingt wirklich fordernd – aber auch herzallerliebst! Musste an vielen Stellen schmunzeln. :)

    Bin gespannt, was da noch auf uns zu kommt. Mein Lütter ist jetzt 1 1/2 und hat jetzt schon einen sehr starken Willen… Bockig sein und sich auf den Boden schmeißen und schreien kann er jetzt schon prima, wenn ihm was nicht passt (was aktuell ziemlich viel ist). Aber das mit dem Alles-selber-machen-wollen dauert sicher noch ne Weile.

  6. Katinka aus LE / Jun 16 2014

    Wie süss das ist! Unser Zwergi ist jetzt 25 1/2 Monate alt und quasselt auch ununterbrochen, das ist ein so süsses und anstrengendes Alter, dass ich unbedingt auskoste! Ist unser zweites Kind und ein drittes wird es nicht geben, von daher geniesse ich, obwohl er wirklich ein kleiner Terrorzwerg ist, der es sogar schafft, seine Schwester (6 Jahre alt) in die Enge zu treiben und zum Weinen zu bringen.

  7. Sandra / Jun 16 2014

    Bei uns waren die Wutanfälle so extrem das sie sich auf den Boden setzte und sich selber den Kopf auf den Boden schlug………furchtbar!

  8. Pusteblume / Jun 16 2014

    Ein herzliches Danke für deinen super Blogg! Ich lese diesen immer mit voller Freude! Liebe Grüsse aus der Schweiz;-)

  9. Mia / Jun 16 2014

    Oh das kommt mir bekannt vor. Meine Maus ist jetzt 3,5 Jahre alt und im Vergleich zu ihrem Bruder deutlich fordernder, d.h. ich stoße bei ihr eher an meine eigenen Geduldsgrenzen :-)

  10. Dini / Jun 16 2014

    liebenswertes niedliches meedchen <3
    ihr seid uns ein halbes jahr voraus – ich wappne mich dann geistig schon mal :D

  11. Sabine / Jun 16 2014

    Das liest sich so so so schön, herzerwärmend – dein Meedchen! Danke für diesen tollen Artikel

  12. Es ist als durchlaufen alle Kinder das selbe Programm! Meine Kleine ist ja nur einen Monat jünger als Eure und gleicht ihr in so vielen Dingen. Insbesondere alles selber machen zu wollen (hatte hierzu auch letztens einen Beitrag verfasst: http://verflixteralltag.blogspot.de/2014/06/delber-machen-oder-eine-fruhe.html).
    Heute war sie so frech und hat sich ihren Badhocker geschnappt, vor den Kühlschrank gestellt und erstmal gemütlich die Wurst herausstibitzt.
    Aber die Windel bekommt sie noch nicht alleine wieder an. Respekt!
    Lieben Gruß, Wiebke

  13. Kutti76 / Jun 16 2014

    Bezaubernd beschrieben, bin gespannt wann bei meiner Tochter die „selba“Phase ihren Höhepunkt findet(-:

  14. Mama Boo / Jun 17 2014

    Hallo Mama Miez!
    Darf ich fragen, wie du dem Meedchen das mit dem Ausspülen nach dem Zähneputzen beigebracht hast? Meine ist 17 Monate alt und bis jetzt spülen wir nicht nach dem Putzen. Ich würde das aber nun gerne machen…
    Danke für Tipps und dein tolles Blog!
    LG,
    Mama Boo

    • Mama Miez / Jun 17 2014

      Sie hat einen Zahnputzbecher. Der Rest ist Vormachen und Nachmachen. Sie hat sich das bei den Jungs abgeguckt.

  15. Marc / Jun 17 2014

    „wenn wir an einen Punkt kommen, an dem ich ihr Anliegen nicht sofort begreife, wird sie fuchsteufelswild.“

    In etwa so der Flix dazu:
    http://www.der-flix.de/flix-heldentage-2-13.html?episode=902
    ;)

  16. Mietz / Jun 20 2014

    Haaa, wie toll :)
    Bin gerade zufällig auf deinen Blog gestossen, wie ich nach meinem gegoogelt hab ;D („mietzn-blog“)
    Du schreibst ech zauberhaft! :) werd jetzt sicher öfter mal bei dir vorbeischauen, nicht zu letzt, weil auch bei uns langsam der Kinderwunsch aufkommt ;)

    Liebe Grüße,
    Mietz

  17. Ganz ehrlich – selten habe ich bei einem geschriebenen Beitrag so gelacht. Auch deswegen, weil es mich an meine Kinder erinnert, und jetzt auch Analogien zu meinen Enkelkindern herstellt. Diesen Blog habe ich mir gemerkt – da gibt es wohl noch einiges an Unterhaltung :-)

  18. Christa / Jul 18 2014

    Das hast du soo wunderschön geschrieben. *hachz*

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