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12. Mai 2015 | Pia Drießen

#Kitastreik: Wir waren dabei!

Heute war ich mit den Kindern bei der örtlichen Kundgebung der streikenden Erzieher unserer Stadt. Die Stadt Niederkassel hat aktuell 38.826 Einwohner. Wir haben 15 städtische Kitas, 3 Elterninitiativen und 5 kirchliche Kindertagesstätten. Davon streikten heute 13 städtische Kindertageseinrichtungen. 

Nachdem die Erzieher am Morgen bereits in Siegburg vor dem Kreishaus einer Kundgebung für den Rhein-Sieg-Kreis beiwohnten, trafen sich gegen Mittag rund 150 bis 200 Erzieher, Eltern und Kinder vor dem Rathaus, um sich auch dort noch einmal Gehör zu verschaffen. Es wurden Verdi-Fahnen geschwungen, Plakate in die Luft gereckt und mit Trillerpfeifen ordentlich Lärm gemacht. 

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Es sprachen verschiedene Kita-Leitungen, Erzieher, Verdi-Mitarbeiter und der Bürgermeister Stephan Vehreschild. Neben der Forderung nach besserer Vergütung wurden vor allem Stimmen laut, die auf die Missstände in den Kitas aufmerksam machten. Seitdem Eltern Zeitkontingente von 25, 35 und 45 Stunden buchen können, sind manche Kitas überbucht, ohne dass der Personalschlüssel angepasst oder die Mehrarbeit vergütet wird. In anderen Kitas führen Unterbuchungen zu Lohnkürzungen oder sogar zum Verlust des Arbeitsplatzes. Das Kibiz stellt viele neue Anforderungen an die Erzieher, wie zum Beispiel das führen aufwendiger Bildungsdokumentationen, Sprachförderung und natürlich Inklusion, was wiederum Qualifizierung durch Fort- und Weiterbildungen bedingt. Während solcher Fort- und Weiterbildung fehlen die Erzieher in der Kita ersatzlos. Nebenbei müssen sie sich um die Kinder kümmern, mit ihnen Basteln, Turnen, Spielen und Ausflüge unternehmen. Vielerorts fehlen Küchenhilfen oder gleich das Kochpersonal, so dass auch diese Arbeit an den Erziehern hängen bleibt. 

ksta.de © Markus Caris

ksta.de © Markus Caris

Unsere Kita, zum Beispiel, ist seit einem Jahr ohne Leitung. Was bedeutet, dass das Kita-Team all die Aufgaben einer Kita-Leitung neben dem normalen Kita-Alltag zusätzlich stemmen muss. Manche Erzieher arbeiten in 3 bis 4 Kitas gleichzeitig, um überhaupt auf ihre 39-Stundenwoche zu kommen. Und die Stadt plant weitere Kindertagesstätten zu bauen, während ältere Einrichtungen Sicherheitsmängel auf dem Außengelände aufweisen oder auch technische Defekte der Lüftungsanlage monatelang ignoriert werden.

In den kommenden Wochen und Monaten erwarten wir in unserer Stadt viele Flüchtlingsfamilien, deren Kinder ebenfalls in den städtischen Einrichtungen aufgenommen werden sollen. Hier sprach ein Erzieher an, was mir bis dato noch nicht wirklich bewusst war: Diese Kinder haben nicht nur mit sprachlichen Barrieren zu kämpfen, die meisten von Ihnen sind zudem stark traumatisiert. Auch diese Kinder müssen qualifiziert betreut werden, was erneut Fort- und Weiterbildungen nötig macht, die so aber noch nicht etabliert sind.

Nach dem heutigen Tag verstehe ich noch viel weniger, wie sich das Bild der Erzieher, als Kaffee trinkende, in der Sonne sitzende Basteltanten so stark halten kann? Reden die Eltern nicht mit den Erziehern ihrer Kinder? Gehen sie nicht in die Einrichtungen und bekommen die Missstände so unweigerlich mit? Glauben diese Eltern wirklich, dass Personalmangel und andere Missstände Schuld der Erzieher sind?

In den Kitas findet täglich Bildung und Förderung unserer Kinder statt. Unsere Kinder sind die Entscheider von Morgen. Und ich kann wirklich nur hoffen, dass sie es besser machen werden, als wir!

Meine Kinder haben heute jedenfalls erlebt und gelernt, dass und wie man für seine Rechte einstehen soll und kann. Insofern war das heute dann wohl auch ein „Bildungsausflug“ ;)

[Lesetipp] Kita-Streik im Rhein-Sieg-Kreis „Kinderpflegerinnen können nicht von ihrem Einkommen leben“

 

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Banker / Mai 12 2015

    Gutes Statement! Ja, den Erziehern wird wirklich zuviel zugemutet! In unserer Kitagruppe sind 2! Flüchtlingskinder ohne Weiterbildung unserer fantastischen Erzieherin aufgenommen worden, die betreut sie nun neben den 19!!!! anderen Kindern mit! Sie gibt ihr Bestes, sie will das Beste, mein Kind fühlt sich auch gut bei Ihr, die Frage ist für mich nur, wann hat diese tolle Junge Frau ein Burnout? Streik ist übrigens nicht drin, es ist ein privater Träger… Den Tagesmüttern unserer Stadt geht’s nicht besser, unsere wollte glatt mit Angina weiter arbeiten… Wir sind dann 400 km gefahren um unser Kind zur Oma zu bringen, „zum Glück“ mit gebrochenen Arm gerade zu Hause war… Vertretungen gibt’s nämlich nur auf dem Papier!

    • Mandy / Mai 13 2015

      Geht mir ähnlich: 25 Kinder im Alter zwischen 6 und 9 Jahre, davon 3 Nichtsprachler (können noch kein Deutsch, weil sie aus dem Flüchtlingsheim sind), 21 Kinder mit Migrationshintergrund (und familiären Problemen) und ein deutsches Kind aus einer bildungsfernen Familie. Das ganze dann jeden Tag von 8-16 Uhr plus zusätlichen Schulhelferkonferenzen, Förderpläne und Sozialkompetenztraining. Und das beste: Privater Träger *Augen roll* Und dann wird man noch von den Eltern doof angemacht, wenn man mal einmal öfter krank ist, als der Durchschnittsmensch…

  2. Andreas / Mai 12 2015

    Wieder mal auf den Punkt gebracht!!! Sehr passend! Ich denke und erfahre ich immer wieder in unserer KiTa (die weder staatlich noch kirchlich ist), dass viele Eltern diese Einrichtung als „Auffanglager“ und/oder „Auffangbecken“ sehen. Da ist es normal, dass augenscheinlich kranke Kinder abgegeben werden, weil man keine Zeit hat, sich um das Kind zu kümmern… Da könnte ich immer ko….! Und ich meine damit nicht Husten oder Schnupfen… Aktuell waren es Windpocken!!!

    Also – Daumen hoch für alle Erzieher!!!!

  3. FrauEinhorn_ / Mai 13 2015

    Hallo Pia. Ich lese zwar schon seit Ewigkeiten hier mit, aber heute muss ich echt mal kommentieren.

    Erzieher, Pädagogen und Fachkräfte in Kita’s sind Mangelware.
    Ich hab für mein Fachabitur 1 Jahr in einer städtischen Kita gearbeitet und kann sagen. NIE. WIEDER. Da werde ich lieber Müllfrau..
    Im Winter waren viele krank. Kennt man ja. Die Gruppen waren meist so 25-28 Kinder groß, eine Erzieherin und eine Kinderpflegerin in der Gruppe. 5 Gruppen gab es, meist war in jeder Gruppe aber nur eine Person, plus Ich – Praktikantin die eigentlich nichts wirklich darf.
    Ich musste an manchen Tagen oft allein in der Gruppe bleiben. Springer? Pfff. Kamen nicht oder mussten in der Küche helfen, weil auch da kein Personal war.
    Es gab 3 Schichten – Früh, Normal und Spät. Dass an solchen Tagen alle Schichten von fast allen Kräften übernommen wurden, muss ich nicht erwähnen oder? Und das bei dem bisschen Gehalt? Keine Überstunden bezahlt bekommen?
    Was denken sich manche Eltern bitte, was das Personal den ganzen Tag dort tut? Eltern sind manchmal schon mit einem Kind total überfordert (auch wenn sie es nur abends sehen) und Kita-Personal soll sich um so viele Kinder kümmern und darf sich nicht über schlechte Vergütung und schlechte Situationen beschweren und streiken?
    Ich find das echt super, wie du dich für Erzieher einsetzt.
    Danke für deinen wunderbaren Blog übrigens.
    Liebe Grüße!

  4. Murmel / Mai 13 2015

    Hi, ich habe auch viel Verständnis für die Problematik in den Betreuungseinrichtungen! Was mir als weiterer Punkt in der Diskussion um die Kinderbetreuung aber immer wieder auffällt ist die Tatsache, dass auffallend viele Eltern ihre Kinder in Kitas etc. betreuen lassen ( oft bis nachmittags inkl Essen) obwohl ein Elternteil Zuhause ist ( aus welchen, meist verständlichen Gründen auch immer). Das ist meiner Meinung nach eine Fehlnutzung des Sozialsystems, das eh schon aus allen Fugen platzt. Denn trotz hoher Elternbeiträge muss jeder Platz von Land und Gemeinde gefördert werden.

  5. Mirjam / Mai 13 2015

    Hallo,

    an sich finde ich es OK, das die Erzieher mehr Geld bekommen. Was mich als arbeitende Mutter jedoch ärgert ist die Tatsache, dass der Streik an der Zielgruppe vorbeigeht. Die Kommunen verdienen mit jedem Streiktag ein enormes Geld – manche Städte sogar bis zu einem 6-stelligen Betrag je Tag!

    Warum sollte also eine Stadt den Erziehern mehr Geld zahlen, wenn der Streik doch so lukrativ ist.

    Wenn ein Pilot streit, hat die Airline keine Einnahmen. Wenn eine Kita streikt, haben die Eltern ein Problem und der Arbeitgeber ein dickes Plus auf dem Konto.

    Übrig bleiben die Eltern – beispielsweise eine alleinerziehende Mutter bei uns, die ihre erste Woche Probezeit in ihrem neuen Job hat. Wenn sie nicht kommt, fliegt sie. Also werden die Kinder nun jeden Tag bei jemanden anderem untergebracht – was für die Kids nicht wirklich gut ist. Aber sie braucht den Job – und als Alleinerziehende ist die Jobsuche nicht einfach.

    Auch bei mir – ich bin selbständig und muss nun alles nachts nachholen – sonst brechen mir die Kunden weg und ich kann dichtmachen.

    Wenn es nur um Aufmerksamkeit ginge, hätte man auch andere Wege gehen können.

    Und die Tatsache, das wir Eltern erst einen Tag vorher Bescheid bekommen, dass unsere Kita 3 Tage streikt finde ich auch extrem unfair.

    Sorry, wenn ich eine andere Meinung habe – wenn der Streik den Arbeitgeber negativ treffen würde, so dass er handeln muss wäre das ja OK – aber so schießen die Erzieher in die komplett falsche Richtung.
    Und wenn es an die Existenzen der Eltern geht hört für mich der Spaß auf.

    Ciao,

    MIrjam

  6. krysha / Mai 13 2015

    ☆Daumen nach oben☆

    Mehr kann ich nicht dazu sagen…eine andere Meinung fänd ich realitätsfremd
    Es ist immer wieder erschreckend wie im sozialen Bereich gespart werden muss und junge Menschen wegen der schlechten Bezahlung nicht Erzieher werden wollen….

  7. Bianca / Mai 13 2015

    @andreas….bezüglich kranke kinder in der kita…mein lieblingssatz wenn eltern das blasse und fix und fertig aussehende kind abgeben:“er/sie hat heut nacht gebrochen und a bissl durchfall gehabt aber ER/SIE wollte unbedingt kommen! „

  8. Christiane Graphein / Mai 13 2015

    Klasse Aktionsbericht. Bin auch viel auf Demos unterwegs. Das war meine Hauptmotivation, mich bei Twitter und Instagram einzufuchsen, denn es ist immer schön, mobil direkt aus der Protestaktion heraus zu informieren…
    Viele städtische Kitas sind in ihrer Gegend. Das Rathaus war vermutlich stark durch Politei angeschirmt. So ist das bei uns jdfls. Ansonsten wäre es gut gewesen, dort einzudringen und nicht wieder weg zu gehen.
    Für die Kinder sind Protestaktionen ganz sicher lehrreich, nicht nur weil es um deren Interessem geht, sondern auch um die Demokratie leben zu lernen.

  9. Chriki / Mai 13 2015

    Was ich bei dem Ganzen nicht verstehe: Welche der Verdi-Forderungen setzt denn daran an, etwas an den Arbetisbedingungen zu ändern?
    Mehr Geld ist ja schön und gut, aber wird die Belastung oder Anforderung dadurch geringer? Ändert sich irgend etwas am Erziehermangel? Und wo sollen die häufig verschuldeten Kommunen das Geld hernehmen?
    Es fällt mir schwer, für den Sreik zu sein. Nicht, weil ich den Erziehern das Geld nicht gönne oder ihre Leistung nciht würdige, sondern weil die Gewerkschaft in ihren Forderungen m.E. viel zu kurz denkt und fordert. Das mehr an Geld kann man allesnfalls als Kompensation betrachten, aber was bringt das, wenn die Umstände der Arbeit bleiben wie sie sind? Wie lange hält der Effekt der rein monetären Wertschätzung an?

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