Öfter mal Schaukeln

Vor einer Woche ist der große Sohn während des Sportunterrichts in der ersten Schulstunde umgeknickt. Es folgten an diesem Tag noch 5 weitere Schulstunden, bevor er nach Haus kam. In der Schule hat er weder geklagt noch gejammert, doch kaum geht die Haustüre auf und wir stehen uns gegenüber, fällt die Maske und der Schmerz wird scheinbar übermächtig.

Meine anfängliche Skepsis über die tatsächliche Schwere der Verletzung – immerhin ist er gute 4 Stunden mit dem schmerzenden Fuß herum gelaufen – löst sich in Luft auf als das Kind den Schuh auszieht und ein Knöchel, doppelt so dick wie der andere, zum Vorschein kommt.

Eine Stunde später sitzen wir beim Unfallchirurgen der uns eröffnet, was ich mir schon dachte: Sprunggelenkfraktur. Dieselbe Verletzung, wie sie der kleine Bruder vor zwei Jahren hatte.

In der vergangenen Woche habe ich so viel über dieses Kind gelernt, wie lange nicht mehr.

Er hasst es, abhängig zu sein und seine Selbstständigkeit auf Grund der fehlenden Mobilität nicht so ausleben zu können, wie er es sich die letzten 10 Jahre erkämpft hat. Er ist der Älteste. Die kämpfen um neue Wirkungsbereiche, ausgedehnte Grenzen und mehr Selbstverantwortung ja in der Regel ein bisschen mehr, als ihre folgenden Geschwister. Und nun ist er ans Haus gebunden und braucht bei den allerkleinsten Kleinigkeiten eine helfende Hand. Auf der einen Seite ist das arg frustrierend, auf der anderen aber auch bereichernd.

So erkannte er nach wenigen Tagen, welche Freiheiten er sonst genießt. Wie toll es ist, einfach so in den Garten zu gehen, das Fahrrad aus der Garage zu holen oder Freunde besuchen zu können.

Und ich erkenne, welche große Hilfe dieses Kind im Alltag ist. Wie oft seine Hilfe jetzt gerade fehlt, wie oft er nicht gebeten oder gesagt bekommen muss, was er tun kann oder soll. Wie sehr er einfach da ist, Dinge bemerkt und einfach mit anfasst, ohne dass man in darum bitten muss. Und wie sehr sich seine Geschwister darauf ausruhen, dass er Dinge nicht einfach übersehen kann oder will.

Die Milchtüte ist leer? Dann holt er eine Neue aus dem Keller. Der Katz hat hunger? Dann füttert er ihn. Es klingelt an der Tür? Er öffnet sie. Wir wollen einkaufen? Er holt Einkaufskörbe aus dem Keller und trägt Lehrgut zum Auto.

Kleinigkeiten, sagen Sie. Aber setzt sich nicht unser ganzer Alltag aus Kleinigkeiten zusammen?

Nun sitzen da drei Kinder am Tisch, auf dem eine leere Milchtüte steht. Und statt das große Kind aufstehen, in den Keller gehen und eine neue holen kann, diskutieren die zwei Jüngeren, wer den letzten Tropfen Milch aus der Packung gepresst und somit die unabwendbare Verantwortung für die Nachschubbeschaffung erworben hat.

Und so setzte ich mich abends auf das Bett des großen Kindes und sage ihm, wie dankbar ich ihm bin, dass er einfach mithilfe, dass er so fürsorglich und aufmerksam ist und dass es mir für ihn – nicht für mich – unendlich leid tut, dass er im Moment so abhängig von uns allen ist. Weil ich sehe, dass ihm das sehr schwer fällt ständig um Hilfe bitten zu müssen, weil seinen Geschwister diese Fürsorge und Aufmerksamkeit (noch?) fehlt.

Erst grinst er frecht, dann wird er ernst. „Manchmal ist es schon doof, dass nie einer Danke sagt. Aber du machst ja auch alle die Dinge, die du so machst und da sagt keiner Danke. Außer du machst es falsch, dann meckern direkt alle.“

Boom! In meinem Kopf explodieren die Gedanken und ich schreie innerlich „Ja. Ja! JA!“ Doch bevor ich etwas dazu sagen kann grinst der Sohn mich wieder an. Nicht frech oder neckend, sondern ganz offen und ehrlich: „Danke Mama, echt jetzt. Danke für alles was du für mich tust. Auch ohne Gips.“ Gerührt hauche ich ein „Danke“ und drücke ihn fest.

Am nächsten Tag helfe ich dem großen Kind im Garten auf die Schaukel. das erste Mal seit seinem Unfall. Eine halbe Stunde schwingt er hin und her, hoch und runter. Dann humpelt er auf seinen Krücken wieder ins Haus, lässt sich aufs Sofa fallen und seufzt: „Boah, das tat jetzt echt gut! Danke.“

Wir sollten alle viel öfter einmal Danke sagen. Nicht nebenbei, im Vorübergehen, sondern in aller Ruhe. Für alltägliche Kleinigkeiten. Für weggeräumte Schulsachen und Milchtüten, die den Weg aus dem Keller nach oben finden. Für einen abgeräumten Frühstückstisch und Sockenpaare, die in der Wäschetonne, statt davor landen.

Wenn ich möchte, dass meine alltägliche Arbeit, bestehend aus hunderten klitzekleinen Kleinigkeiten, gesehen und wertgeschätzt werden, dann muss ich auch die klitzekleinen Kleinigkeiten wertschätzen, die meine Kinder – allen voran der Große – leisten. Auch wenn sie quantitativ vermutlich lange nicht an mein Bündel Kleinigkeiten heran reichen.

Das habe ich diese Woche gelernt.

Und, dass wir alle viel öfter Schaukeln sollten.

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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