Ich hab heute VOLL ZEIT. Jeden Tag.

Inzwischen sind einige Wochen vergangen, seitdem ich wieder zur angestellt arbeitenden Bevölkerung zähle. Ich lohnarbeite aktuell 34 Stunden die Woche und bin auch darüber hinaus für Kollegen erreichbar sowie flexibel, wenn’s mal um Termine außerhalb meiner Stunden geht. Ganz nebenbei sind da weiterhin 3 Kinder und ein Haushalt, die mich jeden Tag sehnsüchtig erwarten. Und trotzdem soll ich bei LinkedIn angeben, dass ich in NUR Teilzeit arbeite. Denn 34 Stunden sind eben nicht 40.

Ich habe mir das jetzt mal ein paar Wochen angeschaut und komme zu dem Schluss: Nö! Einfach nö!

Ich habe nicht das Gefühl, als würde ich nur Teilzeit arbeiten. Klar schreibe ich an 3 von 5 Tagen gegen 13 Uhr „Feierabend!“ in den Firmenchat, aber dafür sitze ich auch schon um 7 Uhr am Laptop und arbeite dann 6 Stunden ohne Pause durch. An den anderen 2 Tagen fahre ich um 7 Uhr ins Büro, mache eine halbe bis ganze Stunde Pause und hab somit um 16 Uhr Feierabend.

Am den 3 Home Office Tagen koche ich im übrigens direkt im Anschluss, die Kinder kommen um 14 Uhr, wir essen gemeinsam, wir schauen über die Hausaufgaben, fahren anschließend Einkaufen, machen Haushalt und die Kinder müssen auf Sport, AGs und Konfirmandenunterricht verteilt werden. Zwischendurch lese ich berufliche Mails, beantworte die dringenden und mach mir einen Plan, was ich am Folgetag in welcher Reihenfolge angehen will. Da ich außerdem für Community Management zuständig bin, habe ich auch den Rest des Tages und am Wochenende ein aufmerksames Auge auf die Kanäle der Kunden.

An den beiden Office Tagen habe ich meist für alle vorgekocht. Die Kinder schieben sich das Essen zuhause und ich im Büro in die Mikrowelle. Der Mann isst abends, wenn er nach Hause kommt.

Die meisten meiner Kollegen haben noch keine Kinder. Die sehen vermutlich tatsächlich nur, dass ich um 13 Uhr – juhu! – Feierabend mache.

Dass ich um 5 Uhr aufgestanden bin, Brotdosen gepackt und 3 Kinder durch die Tür gebracht habe, um 7 Uhr mit dem Arbeiten beginne, um nachmittags wieder für die Kids da zu sein, das liest man dem „Tschö! Bis morgen.“ natürlich nicht an. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich mach da weder irgendwem Vorwürfe noch fühle ich mich falsch wahrgenommen. Ich weiß ja, dass man diese Mental Load Sache wirklich erst begreift, wenn man selber betroffen ist. Und ich glaube, ich bin da auf einem guten Weg mich freizuschwimmen: Kein Perfektionismus mehr, ich habe gelernt „Nein!“ zu sagen, ich fordere Hausarbeiten von der ganzen Familie nicht als Hilfe, sondern als deren Aufgabe ein. Und dennoch ist da immer noch ganz viel Wäsche im Keller und Orgakram in meinem Kopf. Persönliche Befindlichkeiten der Kinder, pubertätsbedingte Stimmungsschwankungen, Sorgen, Verabredungen und schulische Termine sind da noch gar nicht berücksichtigt. Und genau deshalb sehe ich es halt nicht ein, dass ich mich bei LinkedIn und Co. dann als teilzeitarbeitend bezeichnen soll. Wegen 6 Stunden Unterschied in der Woche, die ich in Familienmanagement ungefähr fünffach wieder drauf rechnen müsste?

Ich habe also bei LinkedIn mein Profil auf Vollzeit gesetzt. Und da aktuell noch die Option im Raum steht, dass ich im kommenden Jahr tatsächlich auf 40 Stunden erhöhe, müssten LinkedIn und Xing dann bitte noch die Kategorie Vollzeit+ einführen. Die wäre dann auch für alle die was, die ohnehin immer mehr als ihre 40 Stunden arbeiten.

Und nun wünsche ich Euch einen guten Start in die Woche. Treibt’s nicht zu wild!

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Mediengestalterin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter und Instagram.
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16 Gedanken zu „Ich hab heute VOLL ZEIT. Jeden Tag.

  1. Mega geschrieben, ich fühle dich! Und danke dir, dass du uns Mamas sichtbar machst. Denn mir geht’s genauso mit 3 Kids (13,10 und 4 Jahren) und nem Job mit 32 Std /Wo. Wir müssten mehr gesehen werden. Aber wir machen es richtig indem wir uns austauschen💪 liebe Grüße Luisa aus der Nähe von Dresden

    1. Mein Kollege wünscht mir nun immer einen „schönen kleinen Feierabend“, seit er verstanden hat, dass das noch lange nicht Freizeit ist, nur weil ich nicht am PC präsent bin

  2. Ich fühle das total. Danke für den Artikel. Er spricht mir tatsächlich so aus der Seele. Habe auch 3 Kinder. (5,9,15) ich arbeite „nur“ 27.5 Stunden die Woche, allerdings mit einer Stunde Fahrzeit täglich. Beginn um 7 Uhr, Feierabend 12.30 Uhr. Ich stehe auch um 5 Uhr auf. Abends koche ich vor damit die Kinder warmes Essen haben. Die Kinderbetreuung hier lässt es nicht zu anders oder länger zu arbeiten. Noch dazu lebt meine Mama bei uns und sie benötigt Hilfe. Als pflegende Angehörige darf ich maximal 30 Stunden pro Woche arbeiten. Oft darf ich mir anhören wie chillig ich es doch habe mit meinem Teilzeit Job. Früher hat es mich sehr gestört, ich habe mich geärgert und versucht zu rechtfertigen. Das mache ich inzwischen nicht mehr. Ich lächle und nicke. Mein Tag hat eigentlich täglich 15/16 Stunden „Arbeit“ Ich will mich auch überhaupt nicht beklagen. Ich würde nicht tauschen wollen. Aber rechtfertigen und erklären möchte ich mich auch nicht. Vollzeit hatte ich keine Kinder, 1 freien Nachmittag und 1 mal 14 Uhr Feierabend. Aber da waren keine 3 Kinder, keine kranke Mama, kein riesen Haushalt und kaum Organisation… Das war verglichen mit heute echt Luxus 😊 Aber die Kinder werden älter und auch ich sehe wie sie selbständiger werden und mehr Aufgaben übernehmen. Mal mehr, mal weniger gerne. Und das ist schön. Und GsD ist da noch der tolle Mann der nach einem VOLLZEIT Arbeitstag um 18 Uhr auch hilft wo er kann. Und er wertschätzt was ich jeden Tag mache. Sollen die Anderen doch denken was sie wollen…

    1. Das ist bei aller Belastung so toll zu lesen. Du machst das super 💚 Was mir bei deinem Text aber auch noch bewusst wurde: ich finde Lohnarbeit deutlich weniger stressig und anstrengend, als CareArbeit. Was hatte ich für ein Leben, als ich zwar ne 40 Stunden/Woche hatte, aber mich anschließend ausschließlich um mich un meine Belange kümmern musste. Wow. Arbeiten ist für mich wirklich ein Ausgleich. Ich kann da super fokussiert arbeiten, bin schnell und effizient … CareArbeit hat immer auch ne emotionale Ebene und die macht das Ganze unter Strich so herausfordernd.

  3. Das ist ein sehr sehr guter Text!
    Ich habe es gehasst, wenn mir eine Kollegin gesagt hat: “ du hast es gut, du darfst schon heim“.
    Bei 30 Std, längerem Arbeitsweg, phasenweise ohne Ehemann unter der Woche und den zwei Kindern, die gemeinsam mit mir nach Hause kamen.
    Sie legt nach 39 Std die Beine hoch, ich bin da noch voll in Action oder hab die Nacht durchgemacht.
    Ach ja. Seufz.
    LG Tanja

  4. Dass der Mann in deinen Text gänzlich fehlt, bis auf dass er sich (vermutlich von dir gekochtes) Essen aufwärmt, kommt mir da spontan als Problem Nr. 1 in den Sinn.

  5. He Pia,

    eigentlich traurig das ‚Familien Management‘ nicht viel mehr wahrgenommen wird.

    Aber wie du schon sagst – das begreifen wir nur wenn wir drin sind.
    Daraus ist mein Umgang damit anders geworden, meine Antwort an jemanden der früher geht ist niemals etwas ‚witziges‘ sondern ernst gemeint eher etwas wie ‚pass auf dich auf‘.

    Eine Freundin hat tatsächlich als zweiten Job ‚Familien Management‘ bei den gängigen Portalen angegeben – Vollzeit natürlich.

    Ich finde die Einteilung in Voll und Teilzeit eh sehr anachronistisch, meine Frau arbeitet offiziell Teilzeit, das aber gleich zweimal. Bedingt durch Fahrzeit also eigentlich mehr als Vollzeit.

    Liebe Grüße aus dem Pott
    Jan

  6. Hi Pia,
    Gerade erst gesehen, dass es wieder neues von dir zu lesen gibt, wie schön :)
    Bei meinem Arbeitgeber (auch zufällig der meines Mannes) sind 35h übrigens Vollzeit, da bist du ja überhaupt nicht mehr weit weg ;) Ich wüsste auch nicht, wie wir 2x 40h unterbringen sollten, das ganze Konzept finde ich eigentlich überholt.
    Und ja, ich stimme dir voll zu, auch für mich ist die Lohnarbeit schon fast Erholung, bevor nachmittags (emotionale) Begleitung von Spielplatz, Kinderturnen und Co. angesagt ist.
    Liebe Grüße, Irina

    1. Also zumindest ich kann auf der Arbeit wunderbar den Sorgenkopf oder Familienkopf abschalten und mich wirklich fokussieren. Dass das deutlich erholsamer und entspannter sein kann, als 24/7 Familie glaubt Dir aber auch keiner, der es nicht selber erlebt hat.

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