Bis einer heult! • Brüder - der Beginn einer Geschichte
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23. Juli 2008 | Pia Drießen

Brüder – der Beginn einer Geschichte

Manchmal überfallen mich kleine Ideen zu großen Geschichten. Überraschend, gemein und aus dem Hinterhalt. Sie schlagen mich mit einem Knüppel k.o. und wenn ich wieder zu mir komme, dann sind da diese Bilder, die sich zu einer Erzählung zusammen fügen. Solch einer „Eingebung“ folgend schrieb ich vor ein paar Monaten den Beginn einer möglichen Geschichte auf. Eben noch durch Zufall darüber gestolpert und jetzt schon auf meiner Show-Bühne:


„Wir haben doch alle gewusst, dass es eines Tages so kommen wird. Gerade Du und Papa. Alle haben wir es gewusst. Wieso machst Du dann jetzt so ein Theater?“ Aufgebracht warf der junge Mann die Arme in die Luft und sah seine Mutter verständnislos an.
„Weil Du mein Sohn bist. Ich will nicht, dass Du Dich in Gefahr begibst. Welche Mutter will das schon?“ Sie sah ihn nicht an, während sie leise sprach und dabei unermüdlich Karotten in Scheiben schnitt.
„Mama, bitte! Bei Papa hast Du auch keine Probleme damit gehabt. Wieso kannst Du mich jetzt nicht einfach unterstützen? Meinst Du mir fällt es leicht Jule und Dich vier Monate zurück zu lassen? Meinst Du für mich ist das ein Abenteuerurlaub? Ich habe mich lange und hart darauf vorbereitet. Natürlich will ich jetzt auch dahin, aber deshalb ist mir dennoch bewusst, dass es gefährlich ist.“ Er wechselte von der linken Seite der Küche auf die Rechte, versucht, die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich zu ziehen.
„Mama. Bitte.“
Sie ließ das Küchenmesser sinken, schloss kurz die Augen und seufzte schwer.
„Phil, bitte. Lass Deiner alten Mutter wenigstens ein bisschen Zeit, um sich mit der Vorstellung anzufreunden. Du hast nicht wirklich geglaubt, dass ich Dir bei solch einer Nachricht vor Freude schreiend um den Hals falle.“ Nun sah sie auf. Das erste Mal, seit er ihr vor wenigen Minuten eröffnet hatte, dass er dem Befehl seines Dienstherren folgen und für vier Monate nach Afghanistan gehen würde. Ihre Augen wirkten müde und sehr traurig, während sie sich ein gequältes Lächeln abrang und ihrem ältesten Sohn über die Wange strich.
Natürlich hatte Phil recht. Sie hatte gewusst, dass es eines Tages soweit kommen würde. Und dennoch war die Angst, die sie in diesem Moment beherrschte, naturgegeben. Sie war immerhin seine Mutter. Still fragte sie sich, ob es nicht ihre eigene Schuld war, dass ihr Sohn nun in einen Krieg ziehen würde, mit dem er oberflächlich betrachtet rein gar nichts zu tun hatte. Was gingen Phil schon die Streitigkeiten der Amerikaner an? Wie war der Junge bloß auf die Idee gekommen, dort sein Leben zu riskieren? Sie konnte sich die Frage umgehend selber beantworten: durch seine Eltern. Hätte sie, Katharina, nicht diesen jungen und gutaussehenden Heeressoldaten kennengelernt, sich in ihn verliebt, ihn geheiratet und schließlich mit ihm eine Familie gegründet … sie wäre heute nicht hier. Phil wäre heute nicht hier. Ihr durchaus glückliches Leben wäre völlig anders verlaufen, aber immerhin müsste sie jetzt keine Angst um ihren Sohn haben. Wieso musste er auch unbedingt seinem Vater nacheifern? Reichte es nicht aus, dass sie sich so viele Jahre immer wieder um ihren Mann hatte Sorgen müssen? Nun auch noch um ihren ältesten Sohn?
Im Stillen danke sie Gott, dass Martin nicht so war, wie sein Vater oder sein älterer Bruder. Dass Martin zwar bei weitem nicht einfach war, sich dafür aber nicht in Gefahren begab, die ihn das Leben kosten konnten.

Ein Schlüssel klimperte im Schloss. Dann flog die Haustür auf und fiel nur wenige Sekunden später krachend zurück in den Rahmen.
„Mam, ich bin wieder da!“ Ein junger Mann mit blonden Haaren, die ihm wild in die eisblauen Augen fielen, erschien im Türrahmen. Er verharrte in der Bewegung, als er Phil erkannte und kniff die Augen zusammen: „Ach. Der verlorene Sohn ist da.“ Seine Stimme strotze vor Ablehnung.
„Hi Mart“, antwortete der Ältere knapp und nicht weniger distanziert, griff nach seiner Jacke, die er zuvor unachtsam auf die Küchenbank geworfen hatte, und ging zur Tür.
„Du willst schon gehen?“ Seine Mutter sah einen Moment erschrocken aus, dann wurde ihr Blick erneut sehr traurig. Er machte auf dem Absatz kehrt, drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und strich ihr über die Schulter.
„Wir könne ja später noch telefonieren. Mach Dir keine Sorgen.“

Es blieb still, bis sich die Haustür hinter ihm schloss. Leise und klickend.
„Was wollte er?“, fragte Martin und griff nach ein paar Karottenschnitten, auf die seine Mutter Gedankenverloren hinunter blickte. Als sie nicht reagierte, sah er sie besorgt an.
„Mam, alles okay?“ Sie sah auf und lächelte beschwichtigend.
„Ja, Martin, alles in Ordnung.“ Sie griff nach dem Küchenmesser und schnitt weiter Karotten in Scheiben. Ihr Sohn musterte sie besorgt. Normalerweise war seine Mutter eine fröhliche Frau, die mit ihm scherzte und lachte, wenn er aus der Uni kam. Doch was ihm am meisten verunsicherte war die Tatsache, dass sie ihn gar nicht fragte, wie sein Tag war. Dabei war dies doch stets ihre erste Frage, wenn er Heim kam. Schon seit seinem ersten Schultag. Noch dazu hatte sie ihn Martin genannt, was sie eigentlich nur tat, wenn er etwas ausgefressen hatte oder etwas Ernstes geschehen war.
„Mama, ist jemand gestorben?“, fragte er und versuchte seine Besorgnis durch ein unsicheres Grinsen zu überspielen. Dass seine Frage jedoch völlig ernst gemeint war, erkannte Katharina wiederum daran, dass er sie Mama nannte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann er sie zuletzt Mama genannt hatte.
Sie seufzte erneut schwer, drehte sich zu ihm und wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab. Mit einem Wink bedeutete sie ihm, dass er sich zu ihr an den Küchentisch setzen sollte.
Sein Blick klebte an ihr, während er den Stuhl zurück zog und sich darauf nieder ließ. Die Situation gefiel ihm nicht. Seine Mutter gefiel ihm nicht.
„Wieso habt ihr beide eigentlich immer Streit? Wieso könnt ihr nicht wie zwei Erwachsene mit einander umgehen? Immerhin seid ihr keine Kinder mehr.“
„Wie kommst Du jetzt darauf?“ Verwirrt legte er die Stirn in Falten und mustere seine Mutter fragend.
„Phil wird nach Afghanistan gehen. Kommenden Monat.“ Sie versuchte eine Reaktion in den Augen ihres Sohnes zu erkennen, doch Martins Blick blieb weiterhin starr und fragend.
„Du kannst Dir denken, dass mir das nicht gefällt. Du weiß, dass es durchaus gefährlich für Deinen Bruder ist. Ich habe Angst um ihn. Angst, die ich sonst nur um euren Vater haben musste. Und ich muss zugeben, dass sich das jetzt noch mal ganz anders anfühlt.“ Sie machte eine kurze Pause und griff nach Martins Händen.
„Könnt ihr euch nicht wieder vertragen? Könnt ihr eure kindischen Streitereien nicht beilegen? Stell Dir vor, Phil passiert da unten wirklich etwas …“ Augenblicklich zog Martin seine Hände zurück und sprang vom Stuhl auf. Seine Augen funkelten wütend, als er zu schreien begann: „Er ist erwachsen! Er wollte doch zur Bundeswehr, nicht ich. Er wollte unbedingt seinen Grips für diesen maroden Staat, für übersättigte Politiker und fremde Nationen verschleudern. Was kann ich denn jetzt dafür, dass er sich auch noch den Arsch wegballern lassen will? Am Hindukusch? Jetzt soll ich ihm noch den Rück kraulen und so tun, als wäre nichts gewesen? Oh nein, Mam, das ist Phils Entscheidung gewesen. Dann muss er da jetzt auch alleine durch!“
„Aber ihr seid doch Brüder. Ihr wart früher unzertrennlich.“, unternahm Katharina einen erneuten Versuch, Martin begreiflich zu machen, wie ernst die Lage war.
„Es ist aber nicht mehr wie früher. Phil hat sich für diese ganze hirnlose Kriegmaschinerie entschieden. Phil hat seinen Verstand an dieses Land verkauft. Nicht ich! Er war es doch, der mich nach Paps Tod hat schwören lassen, dass wir niemals zur Bundeswehr gehen würden. Weißt Du, Mam, ich kann mich an dieses Versprechen noch sehr gut erinnern. Und daran, dass Phil ein Anderer war, als er heute ist. Soll er sich seine Birne doch wegballern lassen!“

Die Wand zitterte, als Martin die Wohnungstür hinter sich zu donnerte und seine Mutter alleine zurück ließ. Sie hatte wirklich schon seit sehr langer Zeit keinen Grund mehr gehabt, Tränen über ihre Söhne zu vergießen. Doch in diesem Moment hatte sie das Gefühl, Martins Worte würden sie innerlich zerreißen.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Anne / Jul 23 2008

    Oh, welch beeindruckende Darstellung von Familienkonflikt. Wirklich auch noch gut zu lesen. Wie gehts weiter?

  2. Maria2809 / Jul 24 2008

    Ich möchte auch sehr gern weiterlesen :)
    Ich kann an deinen Geschichten einfach nicht vorrübergehen oder drüberlesen, irgendwie bleib ich immer hängen und werd süchtig nach mehr ;)
    Viele Liebe Grüße, Maria*

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