Bis einer heult! • Keine gute Mutter
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13. April 2010 | Pia Drießen

Keine gute Mutter

Der Quietschbeu ist ja krank, wie ich schon berichtete. In erster Linie Zahnungskrank. Der äußerste Schneidezahn, unten, ist durchgebrochen und wie gewohnt beherbergen wir seither auch noch eine unglaubliche Rotznase und einen fiesen Husten. Es hört sich so ein bisschen an, als habe der Quietschbeu zu lang und zu heftig gefeiert.

Heute Nacht dann die Spitze des Erkältungseisbergs. Erst wollte der kleine Mann nicht in seinem Bett schlafen, was okay ist. Ich nahm ihn also mit zu mir, wo er sich augenblicklich auf die Seite rollte und schlief. Eine Stunde später werde ich von einem heiseren Husten wach, dass aber nicht neben mir, sondern vom Bettende her kam. Wie von der Tarantel gestochen saß ich im Bett, tastete ziemlich unsanft nach meinem Baby und riss es an mich. Natürlich erschrak der Quietschbeu. In der Millisekunde zwischen Wachwerden und Quietschbeu Retten hatte ich aber die fiesesten Bilder von Schädelbrüchen und anderen Sturzverletzungen vor Augen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Quietschbeu dann auch noch knappe 40 Fieber. Ich gab ihm also unter großem Protest ein Zäpfchen und Nasentropfen. Beim Nasentropfenverabreichen habe ich schon immer vorher ein schlechtes Gewissen, so sehr muss ich den kleinen Mann einkeilen, um die Tropfen überhaupt in seine Nase zu bekommen. Und der Quietschbeu ist ein hysterisches Baby, wenn es um solche Aktionen geht. Er schreit und strampelt und kratzt und kneift mit einer Wahnsinns Kraft, der ich kaum Herr werde … und man selber übt sich in Selbstbeherrschung, Selbstbeherrschung, Selbstbeherrschung.

Anschließend ist er dann so aufgebracht gewesen, dass wir 45 Minuten im Dämmerlicht auf dem Bett saßen und ich ihn nur kontrolliert Schreien lassen konnte. Was hätte ich auch tun sollen. Jedes Anfassen meinerseits wurde mit noch lauterem Geschrei quittiert. „Mama, fass mich bloß nicht an, dreh Dich bloß nicht weg, bleib ja hier, guck mich nicht an, guck nicht weg …“

Dann versuchte ich ihn erneut zum Hinlegen zu bewegen, was nach 30 Sekunden jedes Mal darin endete, dass er sich wieder Richtung Bettende schob, ja sogar den Kopf unter meine Bettdecke legte. Nach 30 Minuten habe ich dann die Nerven verloren, packte erst den Quietschbeu, dann seine Puppen und die Nuckel und brachte ihn wieder in sein Bett. Da kann ihm wenigstens nichts passieren und er kann Kreiseln so lange er will.

Natürlich schrie er Zeter und Mordio. Ich, inzwischen mehr als verzweifelt, sang das vierhundertachtundsechszigste Mal „Was müssen das für Bäume sein“ und wollte dann nur noch raus. So ein menschliches Trommelfell ist nach über 2 Stunden Dauerbeschallung einfach arg an seiner Grenze und der Quietschbeu heißt nicht umsonst so. Da ändert auch das Heisersein nicht dran!

Beim Verlassen des dunklen Zimmers habe ich dann mit voller Geschwindigkeit gegen den Sessel getreten. Der Schmerz war so groß, dass ich nicht mal Schreien konnte. Ich dachte viel mehr: „Wenn Du jetzt in Ohnmacht fällst, dann schlag ja nicht mit dem Kopf auf der Wickelkommode auf. Wer kümmert sich dann morgen früh um den Kleinen?“

Ich humpelte zurück in mein Bett, weinte da ein bisschen vor Schmerz, vor Wut, vor Frust, vor Verzweiflung. Ich bin mir sicher, dass der Zeh gebrochen ist und ich glaube, dass ist die Strafe dafür, dass ich in dieser Nacht keine gute Mutter war.

Ich war keine schlechte Mutter, aber eben auch ganz und gar keine Gute. Ich war irgendwann ungeduldig, hektisch und wenig verständnisvoll. Ich wollte den Quietschbeu nicht noch mal 30 Mal richtig rum hinlegen müssen, damit er nicht aus dem Bett stürzt. Ich wollte mich nicht mehr kratzen, kneifen, schlagen lassen müssen.

Ich ging noch 2 Mal den Nuckel richten und holte ihn heute Morgen zur Frühstücksflasche zu mir, nach der ich ihn aber wieder in sein Bett legte.

Husten und Schnupfen sind weiterhin unsere Begleiter. Ich renne quasi den ganzen Tag mit einem Tempo hinter ihm her. Zumindest läuft der Rotz ab. Den Hustensaft verweigert er aber weiterhin vehement.

Es ist nicht schlimm, dass der kleine Mann krank ist. Es ist auch nicht schlimm, dass er dann weinerlich ist, oder schlecht schläft. Das Schlimme ist in Wahrheit die Hilflosigkeit, mit der man in so einem Fall gesegnet ist. Nichts tun können, nichts erklären können, da sein, aber bitte nicht zu nah und nicht zu weit weg. Ich möchte ihn an mich drücken, mit ihm weinen uns ihm sagen, dass alles wieder gut wird. Dass es nur ein Zahn, nur Kopfweh und nur Husten sind … aber seine verzweifelten Augen sagen wir ganz deutlich: „Mama, warum tust Du nix?“

Und darum war ich heute Nacht keine gute Mutter. Weil ich irgendwann resigniert habe und mir dabei den Zeh brach.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Frau Brüllen / Apr 13 2010

    (((((((MM)))))))
    Es gibt so Tage und ganz besonders solche Nächte. (Und ja, gebrochener Zeh tut weh)

  2. stadtmoewe / Apr 13 2010

    Ach liebe MamaMiez …. das klingt so traurig, traurig, traurig.

    Aber Sie sind keine schlechte Mutter und das wissen Sie auch, ja?? An seine Grenzen kommen ist überhaupt nichts schlimmes, nur menschlich.

    Ich drück dich lieb … dich und den kleinen Quietschbeu … wünsche gute Besserung für Zahn und Zeh.

    (Mit gebr. Zeh lieber zum Arzt gehen und tapen lassen. Irgendwann passt kein Schuh mehr ohne Schmerz, weil der Kram schief und krumm zusammen gewachsen ist *eigeneleidvolleErfahrung*)

  3. FrSchnütchen / Apr 13 2010

    ich kann deine aussage nicht bestaetigen … und das sieht man mehr als deutlich bei den bildern im vorigen eintrag … du bist eine gute mutter!
    du bist aber auch ein mensch …
    glg

  4. Frau Lehrerin / Apr 13 2010

    So Tage/Nächte gibt es wohl. Wir sind alle nur Menschen und jeder hat Kapazitäten, die irgendwann für einen Moment aufgebraucht sind. Wie oben schon gesagt wurde: Die Bilder des letzten Eintrags zeigen einen glücklichen Jungen, der seiner Mama sicher auch mal Schwäche zugesteht. Für den Zeh gute Besserung, ich würde auch lieber mal zum Arzt gehen!

  5. isabella / Apr 13 2010

    oje das klingt nicht gut, ihr armen! ich wünsche euch beiden baldigste besserung und der kleine quietschbeu hat so eine liebevolle, süße mama, ernst jetzt und das fühlt er jeden tag, bestimmt. und auch wenn die kleinen mäuse sehr arm sind wenn sie krank sind, es geht vorüber und er wird dir bestimmt nicht übel nehmen, dass du die fiese rotznase nicht einfach weggezaubert hast! ich resigniere auch in solchen momenten, was soll man denn dann auch tun, dieses rumgewusel weil man ihnen helfen will (aber eh nicht kann) macht sie dann oft nur noch unsicher und sie schreien…ich hab es auch schon so oft erlebt und war verzweifelt :) ich denk an euch!

  6. Judith / Apr 13 2010

    Ich versteh dich. In allen Punkten…
    Und schicke Kraft für die folgenden Nächte! Und Heilung für den Zeh :)

  7. feuervogel / Apr 13 2010

    Ich war sieben Monate keine gute Mutter. Heute weiß ich das. Aber ich habe das Beste gegeben, was ich hatte. Mehr wäre nicht gegangen. Schlussendlich glaube ich die Wänster fühlen das. Das Mütter auch Menschen sind, dass sie Genzen haben und dass sie auch dann noch geliebt werden, wenn Muttern am Verzweifeln ist. Er wird größer, liebe Miezmama, und er wird immer mehr verstehen. Und bis dahin ist es ein Segen, dass so kleine Babys eben auch sehr schnell vergessen. Was sie sich merken ist: Mama war da. Immer. Auch wenn es mir ganz dreckig ging.

    LG, Frau Feuervogel

    • Mama Miez / Apr 13 2010

      Die Antwort treibt mir die Tränen in die Augen. Herzlichen Dank!

  8. Muttis Nähkästchen / Apr 13 2010

    Es gibt keine perfekten Mütter – muss es auch nicht! Wir alle scheitern dann und wann an den Herausforderungen und quälen uns dann mit schlechtem Gewissen …

    Und dabei rede ich noch gar nicht davon, wie es so mit zwei Kindern ist …

    Halt die Ohren steif und geh (humpel?) erhobenen Hauptes durch’s Leben: Freilich bist du eine gute Mutter!

  9. Tatti / Apr 13 2010

    Bei uns ists auch immer so,wenn ich ungeduldig werde,dann wirds beim Fröschi schlimmer. Doch trotzdem ist man keine schlechte Mutter. Eine schlechte Mutter ist ganz gewiss ganz was anderes,aber nicht Sie Frau Miez :-) Ich warte gerade darauf,das mein rechter Zehnagel abfällt,oder der Zeh gebrochen am Zipfel baumelt….Bei uns war es Heute auch sehr unruhig.Ich hatte dann heute Nachmittag das Erlebnis mit dem Küchenschrank. Nachdem sich der kleine Frosch zu allem Überfluss den kopf an diesem dummen Oberschrank gestossen hatte (was ich natürlich vorrausgeahnt hatte) hab ich den Unterschrank dann mal feste dafür bestraft. Na ja nun denn es Klopft und pocht im Zeh….

  10. Anne / Apr 13 2010

    Auf keinen Fall hat der Quietschbeu eine schlechte Mutter!!
    Es gibt halt solche Nächte, Tage, Phasen …
    Bei uns sind die Nächte seit geraumer Zeit ähnlich.
    Manchmal hilft bei lauter Weinen nur das Licht anmachen und „lautem“ sagen, dass man da ist und helfen möchte.
    Aber auch dann fühlt man sich ungeduldig, hart und gemein.
    Wir hatten auch schon ein paar gemeinsame Nächte in einem Bett (die doch unbedingt vermieden werden sollten), aber wie hier, hat man irgendwann keine Lust mehr ein zwölftes mal den kleinen Zwerg wieder auf den Rücken zu drehen.
    Eine Freundin hat mir das allgemeine Mütter-Mantra nahegelegt:
    Es ist nur eine Phase – es ist nur eine Phase …
    Wir denken an euch (von der anderen Rheinseite – gegenüber)
    Liebe Grüße
    ANNE

  11. Frau ... äh ... Mutti / Apr 13 2010

    Naja, Sie haben aber nicht Ihr Kind getreten. Ich empfehle ein großes Kissen, in das Sie Ihre Wut hineinschreien und -beissen können.

    Denken Sie wirklich, Sie sind eine schlechte Mutter, weil Sie die Nerven verloren haben? Ich verspreche Ihnen: Sie werden noch sehr, sehr oft die Nerven verlieren.

    Sie bleiben aber eine gute Mutter, wenn Sie nicht verlernen zu hinterfragen, zu reflektieren und sich nur zu wünschen, die Kinder an einen Wanderzirkus zu verkaufen oder an der Autobahnraststätte auszusetzen.

    Und irgendwann später mit einem schiefen Lächeln daran zurückdenken können.

    Sie kriegen das schon hin, da bin ich sicher :)

  12. MissJones / Apr 13 2010

    bei uns gehts grad ähnlich ab! zähne sind solche arschlöcher!!!! Das mit dem Zeh tut mir leid, aber irgendwo muss ja die Wut und Verzweiflung hin! ich muss dann immer ins kissen beißen oder auch mal wo gegen treten oder eine rauchen gehen….. schnelle Besserung für den Zeh!

  13. ccfw / Apr 14 2010

    keine sorge, geht vorbei. ich weiss aus leidvoller erfahrung, wie das mit dem Zahnen ist: WOCHENWEISE husten, der arzt meinte immer nur: kommt vom Zahnen, kamma nix machen. salopp und freundlich. und du denkst Dir: A*****h, muss man was machen können. der sohn leidet, verd*** noch mal! Fazit: Sohn und Tochter sind heute 3+, haben alle Zähne und sind voll gesund, fröhlich finden mich und Mama mal mehr, mal weniger lieb, kommt auf die Tagesfrom an. und der Junior ist grad am zahnen, also alles nochmals von vorn.
    Ach ja, noch vergessen: die Tochter hatte dann acuh noch einen wunden Hintern und roch grässlichst beim Zahnen. So wie ich weiss, hatten wir aber auch noch nicht das full package, es gäbe anscheinend noch mehr Auas während dieser Periode, was ist mir schleierhaft.
    Kopf hoch, wir alle unterstützen Dich gerne moralisch. aber so wie ich Dich einschätze, schaffst Du /bzw Ihr das auch so ganz gut! Ein herzliches *Drück* aus der Schweiz.

  14. Maren / Apr 14 2010

    Für den Zeh wünsche ich baldige Besserung.
    Und das mit der schlechten Mutter schlagen Sie sich mal GANZ schnell aus dem Kopf!

  15. eva / Apr 14 2010

    herrjeh!
    das sind die blöden seiten im leben einer mutter!
    ich stimme da frau muttis kommentar komplett zu. es wird noch schlimmer kommen und trotzdem wirst du es schaffen und immer wieder eine gute mutter sein.
    (was IST denn eine gute mutter eigentlich?!)
    beim husten schwöre ich ja auf hedelix-tröpfchen. efeu-extrakt, jedes prospan kann dagegen einpacken.
    lg eva

  16. podruga / Apr 14 2010

    was tut den der quietschepapa in solchen nächten, schlafen?

    • Mama Miez / Apr 14 2010

      Auf so eine Frage habe ich gewartet. Er war auf Geschäftsreise. Wer so ein bisschen regelmäßig hier liest, hätte das gewusst.

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