Bis einer heult! • Pipi in den Augen. Auf beiden Seiten.
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13. Juni 2013 | Pia Drießen

Pipi in den Augen. Auf beiden Seiten.

Als der Quietschbeu im letzten Sommer in die Ü3-Gruppe seines Kindergartens kam, hatte ich große Sorge, ob und wie er die neue Gruppe und vor allem die neuen Erzieher annehmen würde. Er ist schon immer der Typ, der sich eher zu Erwachsenen, als zu Kindern hingezogen fühlt und dem ein gutes Verhältnis zu einem Erwachsenen ganz viel Sicherheit und Vertrauen gibt.

Zum meiner großen Freude schloss er die Erzieherinnen seiner Gruppe sehr schnell ins Herz. Bis auf K. Da war immer Distanz, von seiner Seite ausgehend,  und er lehnte Aufforderungen, doch zur Frau K. zu gehen, wenn sie morgens allein in der Gruppe war und er erst ein wenig ankommen musste, ab. Mich wunderte das sehr, da ich sie als sehr liebevolle Person kennengelernt habe, die auf die Kinder zugeht und ihnen ihren Schoß oder Arm anbot, wenn sie sich morgens nicht gut von den Eltern trennen konnten.

Ich fragte den Quietschbeu schließlich, warum er die Frau K. nicht mögen würde. Seine Antwort war sehr überraschend: „Ich mag die Frau K. Aber wenn das Baby aus ihrem Bauch gekommen ist, dann ist die weg!“

Ich saß völlig perplex vor meinem Kind und in meinem Kopf ratterte es wie auf einem Güterbahnhof. Baby? Aus dem Bauch kommen?

Frau K. ist korpulenter als die anderen Erzieherinnen, ja, aber schwanger war sie ganz sicher nicht. Da ich aber gerade sehr schwanger war, sagte mir die Aussage eine Menge über die Ängste, die den Quietschbeu aktuell wohl plagten. Zudem war kurz zuvor eine Erzieherin des Löwenmäulchens vom Dienst freigestellt worden, weil sie frisch schwanger war und auf Grund irgendeines fehlenden Antikörpers die Arbeit mit kleinen Kindern nichtweiter gestattet war. Das war dem Quietschbeu noch sehr präsent.

Ich erklärt ihm natürlich, dass die Frau K. nicht schwanger sei, was er mir aber nicht glauben wollte, weil sie ja doch einen dicken Bauch habe. Tja, liebes Universum, wie erklär ich’s meinem Kind.

Am folgenden Tag sprach ich eine andere Erzieherin des Quietschbeus an und erzählte ihr von unserem Gespräch. Sie musste arg schmunzeln und sagte, ich solle mich ruhig damit direkt an Frau K. wenden. Sie würde auf Fragen der Kinder zu ihrem Gewicht sehr offen und ehrlich reagieren.

Noch am selben Tag kam dann Frau K. selber auf mich zu und grinste ebenfalls breit, als ich ihr von den Sorgen des Quietschbeus berichtet. Sie sagte mir, dass sie bereits mit ihm gesprochen habe und ihm versichert hatte, nicht schwanger zu sein. Auf die Frage, warum sie so einen dicken Bauch habe, antwortete sie ihm, dass der zum Kuscheln da sein. Wenn man traurig wäre, oder sich mal wehgetan hätte oder einfach so zwischendurch ein bisschen Kuscheln wolle, dann könnte man das ganz prima mit ihr machen. Denn so ein dicker Bauch, ganz ohne Baby drin, ist auch ganz weich. Ich schmunzelte und hatte direkt so ein bisschen Pipi in den Augen. Ich schrieb ja schon, dass ich sie als äußert liebevoll und offen wahrnehme.

Der Quietschbeu erklärt mir am Nachmittag wie das jetzt genau sei, mit der Frau K. und dem dicken Bauch. Und dass da ganz sicher kein Baby drin sei, sondern sowas wie ein dickes Kissen zum Kuscheln. Herzwärme.

In den folgenden Tagen und Wochen wurde Frau K. so immer und immer mehr zu der Bezugsperson für den Quietschbeu. Er kuschelte mit ihr, er hing an ihren Lippen, wenn sie etwas erzählte und blühte schon vorm Betreten der Gruppe auf, wenn er wusste, dass sie bereits da war.

Frau K. ist Kinderpflegerin und befand sich die ganze Zeit über in der Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Als sie 3 Wochen Urlaub hatte, um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten, vermisste der Quietschbeu sie schmerzlich und fragte mich jeden Abend, ob die Frau K. am nächsten Tag denn endlich wieder da sei. Als die Prüfungen abgeschlossen waren und Frau K. zurück kehrte, war auch mein Quietschbeu endlich wieder rundum glücklich.

Ich ahnte bereits, dass die bestandene Prüfung – von der wir alle von vorne herein ausgingen, Veränderungen für unsere Kinder und vor allem für Frau K. mit sich bringen würden. Entsprechende Qualifikationen wollen ja auch eingesetzt werden und eine passende Stelle ist in unserem Kindergarten leider nicht mehr frei.

Als dann vor wenigen Tagen die Prüfungsergebnisse bekannt gegeben wurden und ich gerne und aus tiefstem Herzen zur bestandenen Prüfung gratulierte, erfuhr ich dann auch offiziell, dass Frau K. zum Kindergartenjahreswechsel die Einrichtung verlassen würde, um in einem anderen Kindergarten die Leitung einer Gruppe zu übernehmen. Glasige Augen auf beiden Seiten. Wie sag ich’s nur meinem Kind? Wer wird als „Ersatz“ kommen und kann überhaupt irgendjemand Frau K.s Platz _so_ einnehmen, wie sie ihn ausfüllte?

Am Nachmittag sprach ich das erste Mal in Ruhe mit dem Quietschbeu. Ich versuchte ihm zu erklären, was eine Ausbildung und was eine Prüfung ist. Und dass die Frau K. jetzt bald in einen anderen Kindergarten gehen würde, um dort auch so eine tolle Gruppe aufzubauen, wie sie seine eigene schon ist. Er sah mich ziemlich verständnislos an, hielt sich die Ohren zu und sagte: „Ich will das nicht hören!“ Herzstolpern. Wir wechselten das Thema.

Gestern Morgen berichtete ich Frau K. kurz von der Reaktion des Quietschbeus und sie sagte, sie würde im Stuhlkreis den Kindern genau erklären, wieso und weshalb sie bald weggehen müsse. Pipi in den Augen. Auf beiden Seiten.

Der Quietschbeu sprach nicht mehr von dem Thema und ich fragte nicht weiter nach. Wie ich meinen großen Sohn kenne, muss er erstmal für sich verarbeiten, was er nun gehört und erfahren hat. Das kann ein paar Tage, vielleicht auch Wochen dauern. Dann wird er mit mir reden. Dann wird er auch formulieren können, dass er traurig ist und ja, dann wird er sicherlich auch weinen.

Heute Morgen, als ich die Kinder in den Kindergarten brachte, erzählte mir Frau K., dass der Quietschbeu beim gestrigen Stuhlkreis Tränen in den Augen stehen hatte, als sie von ihrem baldigen Weggang berichtete. „Das hat mich total raus gebracht. Das macht es mir so schwer.“ Pipi in den Augen. Auf beiden Seiten.

Ich weiß nicht, ob sie nachempfinden können, was es bedeutet, wenn solche wichtigen und liebevollen Bezugspersonen aus dem Leben ihres Kinders – und ihrem eigenen Leben – verschwinden. Natürlich gehört Abschied dazu. Es ist sicher auch nicht verkehrt früh im Leben mit ersten zarten Abschieden konfrontiert zu werden. Aber da verlässt ein Mensch den Alltag meines Kindes, den er ganz fest im Herzen hat. Über den er nur mit einem riesen Strahlen im Gesicht spricht und von dem er immer mit viel Begeisterung und Bewunderung erzählt.

Dieser Kindergarten – nein – diese Erzieher sind ein Grund, warum wir uns zunächst dagegen entschieden haben, mit dem Miezmann nach Hannover zu ziehen. Meine Kinder sind glücklich, meine Kinder fühlen sich geborgen und geliebt. Ja, geliebt. Soviel Herzlichkeit, Anteilnahme und Fürsorge, wie diese Menschen Tagtäglich für meine Kinder aufbringen und sie zu kleinen glücklichen Wesen machen, ist ein Segen, ein Geschenk, ein Sechser im Lotto.

Ich bin zutiefst traurig, dass Frau K. gehen wird. Und ich wünsche Ihr alles Liebe und Gut dieser Welt auf ihren neuen Wegen.

Es werden noch viele Tränen fließen, bis wir dieses letzte „Tschüss und alle Gute!“ sagen werden. Ich hoffe und wünsche dem Quietschbeu so sehr, dass er die letzten gemeinsamen Wochen auskosten kann und sich nicht vorher schon distanziert, um nicht verletzt zu werden. Das sind Situationen, in denen ich die Hochsensibilität meines Kindes nicht unbedingt als Segen empfinde.

Pipi in den Augen. Auf beiden Seite.

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Über den Autor:
Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Marketing- und Medienberaterin mit Schwerpunkt Social Media. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
    
  1. Frau Bauchwohnung / Jun 13 2013

    Hier jetzt auch so: Pipi in den Augen

  2. Nicole / Jun 13 2013

    …..und jetzt auf ALLEN Seiten. Haben in unserer Kita auch so eine Herzerzieherin, die wir im kommenden Kindergartenjahr „nur“ durch einen Gruppenwechsel verlieren, doch es tut auch sehr weh, sie ist immer so liebevoll zu unserer Tochter gewesen wie keine Andere. Ich denke schon mit viel Angst daran, wie es die kleine Maus verkraften wird…..manchmal nrnnt sie mich im Eifer, oder wenn sie traurig ist bei ihrem Namen.

  3. Ramona / Jun 13 2013

    Oh, das bekomm ich ja auch gleich Augenwasser. Aber vielleicht ist genau dieser Abschied genau richtig für euch in diesem Moment. Vielleicht soll das so sein für Eure Hannover-Entscheidung? Bei uns war es bisher mit allen Umzügen so. Daß Entscheidungen damit plötzlich viel einfacher wurden, auch wenn sie trotzdem natürlich schwer waren. Ich hoffe, der QB kann dem Abschied gut annehmen und damit umgehen.

  4. Carolin / Jun 13 2013

    Liebe Mamamiez,
    ich kann das so sehr nachempfinden. Wir haben letzten Sommer mit unseren drei Kindern einen großen Umzug hinter uns gebracht – 600 km weit weg von der alten Heimat, den Freunden und v.a. der Familie. Meine Kleinste war gerade 2 1/2 und kam in die Kita. Sie tat sich sehr schwer – auch aufgrund des Umzugs, sie hatte wahnsinnig heimweh – und baute nur ganz ganz langsam Vertrauen zu einer ganz bestimmten, sehr herzlichen und sehr sehr liebevollen Erzieherin auf. Als wir sie endlich, wenn auch noch sehr scheu und verhalten, eingwöhnt hatten, wurde uns eröffnet, dass besagte Erzieherin die Kita verlasse und in eine andere Einrichtung wechsle. Mir brach es das Herz – schon wieder ein Umbruch für die Kleine. Sie hat gelitten, sicherlich, hat immer wieder gefragt und ich habe es ihr in ruhigen Gesprächen immer und immer wieder erklärt – inzwischen sind fast zwei Monate vergangen und jetzt kann ich sagen, sie hat sich gefangen und es geht ihr wirklich sehr gut. Aber sie brauchte einfach ihre Zeit – ich denke, auch der Quietschbeu wird sie brauchen und er wird es schaffen – bekommt er doch von daheim so viel Wärme und Sicherheit! Alles Liebe für Sie und vor allem dem Quietschbeu!!

  5. isabella / Jun 13 2013

    und wie ich das nachempfinden kann! geht es den kindern gut, geht es uns gut. haben die kinder kummer, haben wir kummer. und komischerweise empfand ICH oft den abschied noch einen deut schlimmer als die kinder. ich vertraute da einem menschen mein kind an, wir symphatisierten, da war jemand in sachen erziehung (oder wem das wort erziehung nicht gefällt, darf betreuung verwenden) „mein partner“. wir als team. der kindergarten oder die schule oder der hort + ICH.

    der abschied damals von der hebamme, oder der kinderärztin die in pension ging, oder der kigabetreuerin, als meine tochter zur schule ging…. die abschiede waren immer sehr tränenreich :)

  6. Helene / Jun 13 2013

    Oh Mann, jetzt hast du mich auch zu Tränen gerührt. Bei uns gab es zueltzt leider auch einen Wechsel bei den Erziehern, gerade der männliche Erzieher, der mit seiner Einfühlsamen und Anständigen Art so etwas wie das Rollenvorbild für meinen Sohn war. Das ist einfach etwas schwieriges, wie wenn ein guter Freund weggeht, aber den sieht man nicht wieder, weil es nie mehr die gleiche Situation geben wird.
    Pipi.

  7. AnJu / Jun 13 2013

    In unserem Kindergarten hören zum Ende des Kindergartenjahren drei von vier Erzieherinnen auf. Die, die bleibt, ist erst seit letzten Dezember da und die heißgeliebte Kinderpflegerin, die als hausinterne Springkraft eingesetzt war, ist zum 1. April ganz überraschend in einen anderen Kindergarten gewechselt. Ich hab keine Ahnung, wie das nach den großen Ferien gehen soll.

  8. Lisa / Jun 13 2013

    Ich kann ihn gut verstehen! :'(

  9. Mama Koala / Jun 14 2013

    Hey, habe gerade Deinen Blog gefunden und bin echt froh darüber! Du schreibst so schön ehrlich, echt lesenswert.
    Ich bin gerade auf einer Mission mit dem Ziel meine 3 Kids nicht mehr anzumeckern und anzuschreien (denn ja, das habe ich leider häufiger getan, als mir lieb ist!), vielleicht hast Du Lust und schaust mal vorbei! Bin auf der Suche nach Gleichgesinnten ;-)
    LG
    Mama Koala

  10. Anke / Jun 14 2013

    Ja, auch hier sehr bekannt.
    Umzug in den Süden Norwegens letztes Jahr und für die Kinder (damals 3,5 und knapp 2) hat’s das ganze Jahr gedauert, bis sie sich im hiesigen KiGa heimisch gefühlt haben. Mit der <3-Erzieherin mailen wir zwar noch und schicken Postkarten, aber sie fehlt. Mir vielleicht noch mehr als den Kindern?

  11. Katrin / Jun 17 2013

    Hier steht nach dem Sommerurlaub auch ein Gruppenwechsel und damit Abschied von den geliebten und vertrauten Erzieherinnen an.
    Ich kann Ihre Gedanken also gut nachempfinden.
    Dem Quietschbeu wuensche ich, dass er wieder so eine tolle, liebevolle Bezugsperson bekommt, die dann bis zum Ende der Kindergartenzeit bleibt.

    Ich persoenlich habe ganz schoen Bammel vor dem Wechsel, aber man hat mir versprochen, das Ganze gut vorzubereiten und zu begleiten.

  12. Aaminah Reza / Jul 10 2013

    Hallo, ich denke aber, dass die Kleinen das ganz schnell wegstecken. Kinder finden schnell wieder eine neue Bezugsperson. Glaube, wir als Eltern machen uns darüber viel zu viele Gedanken.

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  1. "Wieso gehen alle von mir weg?" » Bis einer heult! | Das Mama Miez Blog
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