Ich hab von Dir geträumt.

Eine meiner erster Erinnerungen an Dich sind aus meiner Kindergartenzeit. Ich war in einem evangelischen Kindergarten und manchmal kamst Du vorbei, wir haben uns alle in einen Kreis gesetzt und Du hast uns Geschichten erzählt. Deine Gitarre hattest Du auch immer dabei und noch heute bekomme ich Gänsehaut wenn jemand Laudato si anstimmt. Wir waren oft Sonntags in Deinem Gottesdienst, wobei ich gar nicht mal mehr mit Sicherheit weiß, ob Du meine Geschwister konfirmiert hast?

Als ich 12 war, war ich mit Dir und vielen anderen Kindern in der Steiermark im Urlaub. Es war ein Ferienlager ganz anders, als all die, die ich davor und danach erlebt hab. Ganz viel Gemeinschaft, Aufstiege auf echte Berge, Übernachtungen auf der Alm in Strohbetten und Abendbrot mit Wurst am Stück und Brot vom Laib geschnitten. Ich habe so viele Bilder von diesen 2 Wochen in meinem Kopf und besitze doch kein einziges Foto. Das warst Du. In Deiner Gegenwart hat man sich immer wohl gefühlt. Du hast die pure Ruhe ausgestrahlt, hattest immer einen Witz auf den Lippen und konntest wunderbar ironisch sein. Ich erinnere mich, wie Du nach unserer Rückkehr zu meiner Mutter sagtest: „Schick sie doch zu mir in den Konfirmandenunterricht. Ich würde mich freuen.“

Weil Deine Gemeinde aber ein paar Ortsteile weiter lag, konnte ich leider nicht in Deinen Konfirmandenunterricht kommen. Die Entscheidung war damals reiner Pragmatismus – zu weit, man hätte mich fahren müssen- und ich bin heute noch traurig darüber. (Harte Liebe an dieser Stelle für meine Schwester, die ihren Kindern das trotzdem ermöglicht hat.)

Wir waren dennoch gemeinsam auf Konfifahrt, da erinnere ich mich genau dran. Wie Du da mit der Gitarre gesessen hast und vor Dich hin geklimpert hast. Ich muss Dich angestarrt haben, denn irgendwann fragtest Du mich völlig unvermittelt und ohne den Blick zu heben: „Wie geht es Dir, Pia?“ Ich war im meinen Leben noch nie von einer Frage so überfordert, wie von dieser. 13 Jahre alt, mitten in der Pubertät. „Wenn Du reden möchtest höre ich zu. Nicht jetzt. Irgendwann.“ Ob Du damals schon gewusst hast, dass ich Dir 8 Jahre später die Gefühle meine ganzen Kindheit/Jugend offen gelegt habe und stundenlang nur geweint habe? Du hast Wort gehalten. Du hast zugehört. Du hast nicht geurteilt oder versucht zu erklären. Du hast einfach nur zugehört. Da war kein Ratschlag. Nur dieser Satz: „Es gibt keine falschen Gefühle. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung.“

In den folgenden Jahren sahen wir uns immer mal wieder. Auf den Konfirmationen meiner Nichte und meines Neffen zum Beispiel. Immer diese herzliche Umarmung und die Frage: „Wie geht es Dir, Pia?“ Ich nicke nur noch. Du weißt Bescheid. Ich glaube tatsächlich hat mich nie jemand mit so wenig Worten tiefer berührt als Du. Als ich von Deinem viel zu frühen Tod nach schwerer Erkrankheit erfuhr, war es einige Tage ganz still in mir. Es war ein komisches Gefühl. So, als könne ich nicht mehr in mich reinspüren. Nach ein paar Tagen traf mich die Erkenntnis: diese Stimme, die mich fragt wie es mir geht, war verstummt. Es war all die Jahre immer Deine Stimme die mich innehalten und mich fragen ließ: „Wie geht es dir, Pia?“

Nach einem heftigen Heulkrampf wurde mir bewusst: ich muss mir diese Frage jetzt selber stellen. Mit meiner eigenen Stimme. Und das tue ich!

Letzte Woche war mein großer Sohn auf Konfifahrt. Du hast ihn auf Hannas Konfirmation kurz kennengelernt, da war er 6. Er ist jetzt 13, kannst Du dir das vorstellen? Dasselbe Alter wie ich es hatte, als Du die Wurzeln für meine eigene Selbstführsorge und Selbstwahrnehmung das erste Mal gewässert hast. In der Nacht bevor er nach Hause kam habe ich davon geträumt, wie ich ihn vom Bus abhole. Alle Pfarrer unserer Gemeinden waren da … und Du. Ich war so überrascht Dich zu sehen. Ich wusste ja, dass Du seit 2 Jahren tot bist. Dass Du gar nicht hier sein kannst. Also fiel ich Dir um den Hals, drückte Dich fest an mich und fragte: „Wie geht es dir, Tom?“ Und Du hast genickt, Dein typisches Grinsen gegrinst und „Es geht mir wirklich sehr gut jetzt!“ geantwortet. Und ich hab dieses Gefühl von Leichtigkeit, Sorglosigkeit und purer Freude gespürt. Ganz real.

Ich hab Dir nie Danke gesagt. Weil man ja immer denkt, dazu bleibt noch Zeit und beim nächsten Mal reicht ja auch noch.

Danke Tom, für die Stimme, die Du in mir warst, als ich selber noch keine für mich hatte. Ich bin froh, dass es Dir gut geht. Ich denke an Dich. Jedesmal wenn ich mich oder eines meiner Kinder frage: „Wie geht es dir?“

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Mediengestalterin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter und Instagram.
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11 Gedanken zu „Ich hab von Dir geträumt.

  1. Oh wie wunderbar…

    Er war Deine Stimme bis Du Deine eigene gefunden hast….ein wundervoller Gedanke…..
    Jetzt hört er bestimmt von woanders aus zu…….

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