Tiefgründiges vom Feld

Heue sind wir nach dem Kindergarten spazieren gegangen. Es war kalt und windig, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass wir alle raus auf’s Feld müssen. Frische Luft, reden, Dinge entdecken. Mimi war anfänglich ein wenig mürrisch. Sie ist und bleibt ein lauffaules Huhn. Aber als wir dann erstmal unterwegs waren, rannte auch sie kreuz und quer über die Feldwege. Wie immer hatten wir gute Gespräche. Wie für Alex üblich, auch manche recht tiefgründige.

„Mama, wenn jemand auf dich schießt, dann werfe ich mich vor dich!“
„Aber dann wirst du doch von der Kugel getroffen. Das will ich nicht.“
„Aber es wäre für mich das allerschlimmste, wenn du tot wärst.“
„Wenn du dich vor mich wirfst und getroffen wirst, dann bist du vielleicht tot. Und das wäre für mich auch einfach unerträglich.“
„Aber ich will nicht ohne dich sein!“
„Das verstehe ich. Aber schau. Ich wäre dann ohne dich. Das ist auch nicht besser. Mein Leben ist ja nicht mehr wert, als deines.“
„Hm.“
„Vielleicht schubst du mich einfach zur Seite und wir werden beide nicht getroffen?“
„Oder der Papa schleicht sich von hinten an den Bösen und haut ihm einfach eins über.“
„Oder so.“

Auch Max macht sich viele Gedanken zur Zeit. Über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Er analysiert das Verhalten seiner Klassenkameraden oder auch Konflikte auf dem Schulhof, die er beobachtet hat. Anfang der Woche gab es einen ziemlich heftigen körperlichen Übergriff, von dem er mir nachmittags weinend berichtete. Das nagt nach wie vor an ihm.

„Gibt es Eltern, die ihre Kinder hauen?“
„Ja, das gibt es leider.“
„Und hauen die Kinder dann andere Kinder?“
„Das kann sein. Muss aber nicht.“
„Ich glaube der/die* X wird gehauen.“
„Wieso glaubst du das?“
„Weil er/sie so wütend und richtig brutal war. Der/die hat immer wieder zugetreten obwohl der Y schon weinend am Boden lag.“
„Aber das heißt nicht, dass die Eltern auch das Kind hauen. Vielleicht hat er/sie brutale Filme gesehen. Vielleicht ist er/sie auch wegen etwas ganz anderem so wütend und weiß nicht, wie er/sie die Wut wieder los wird.“
„Hm. Ich bin auch manchmal wütend. Aber ich hau dann keine andere Kinder.“
„Na ja, deinen Bruder hast du auch schon mal gehauen.“
„Stimmt.“ (betretenes Schweigen) 
„War die Wut danach denn weg?“
„Nein.“
„Haben wir dich schon mal gehauen?“
„Nein.“
„Siehst du. Man weiß nicht immer, woher die Wut kommt. Und wenn man jemanden anderen schlägt, weil man wütend ist, ist die Wut danach auch nicht weg. Wenn das so einfach wäre, würden sich vermutlich alle Menschen nur noch schlagen.“

Er grübelte dann eine ganze Weile schweigend über unser Gespräch nach. Vermutlich werde ich in den kommenden Tag dann seine weiteren Gedanken zu dem Thema erfahren.

Mimi wollte sich nicht unterhalten. Mimi wollte lieber singen. Darum können die Kinder jetzt Bruder Jakob im dreistimmigen Kanon singen und den Text der Weihnachtsbäckerei haben wir auch wieder aufgefrischt.

Ich genieße es sehr, dass meine Kinder so offen und frei ihre Gedanken mit mir teilen. Egal ob Positive oder Negative. Ich glaube, das ist ein ganz großes Geschenk und ich wünsche mir sehr, dass sie noch lange das Vertrauen in mich haben, das sie mir mit solchen Gesprächen beweisen.

Dass Mimi sich noch nicht so tiefgründige Gedanken macht, sondern lieber Weihnachtslieder singen will, genieße ich im übrigen auch. Sehr.

*anonymisiert zum Schutz des Kindes

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Pia Drießen, 1980 in Köln geboren, verheiratet und Mutter von 3 Kindern (*2009, *2010, *2012). Von Beruf freiberufliche Autorin und Bloggerin. Bloggt seit 2002 mal lauter und mal leiser. Virtuell unterwegs auf Facebook, bei Twitter, Pinterest und auf Google+
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11 Gedanken zu „Tiefgründiges vom Feld

  1. Wieso um alles in der Welt sollte jemand auf Dich schießen?! Wie kommt er darauf? Beängstigend. Zuviel StarWars, oder doch der einschlägig professionalisierte Vater (und Mutter?)?
    Gut, dass er mit Dir darüber redet! (Und Du Zeit und Gelegenheit dafür schaffst!)

      1. Naja, den einen oder anderen kenne ich schon… ; )
        Aber im Ernst, ich glaub auch nicht, dass es an Star Wars liegt. Nach meiner Erfahrung, trennen die meisten Kinder sehr strikt zwischen Film und Realität und halten die Übertragung oft für völlig abstrus.
        Was aber Soldaten machen ist real und macht mir im übrigen auch Angst.

      2. Entschuldige bitte, ich kann mir denken, daß das ein heißes Eisen hier ist.
        Ich kenne keine Soldaten, kaum Wehrdienstgeleistethabende.
        Ich habe keine Vorstellung, wie man das (den Beruf) seinen Kindern erklärt (außer: das muss halt sein und passiert auch alles ganz weit weg). Bitte, das ist keine Aufforderung an Dich, den Schuh würde ich mir an Deiner Stelle auch nicht so öffentlich anziehen. Es soll nur meinen Gedankengang erklären.
        Und nein ich mache mir keine Sorgen um Deine Kinder…das wird schon alles passen.
        Liebe Grüße

  2. Vielleicht hat Max aber auch Recht und der XY wird wirklich geschlagen? Ich hatte einen Jungen in meiner Grundschulklasse, der ganz ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legte und sich später immer freiwillig in die Opferrolle des Verprügelten begeben hat. Irgendwie haben da alle immer sehr weggesehen, aber alle haben sich gedacht, dass er verprügelt wird daheim. Das kam dann auch irgendwann ans Licht.

  3. Was ich an dem Text so schön finde, ist wie du die Denkpausen dargestellt hast. Genauso handeln meine Kids auch oft, wenn auf einmal ein Gedanke ins Hirn vorstößt, über den sie vorher nicht nachgedacht hatten.

    Bei uns war es in letzter Zeit häufig der Tod, weil viele unserer Tiere gestorben sind (vorwiegend aus Alterschwäche). „Wieso müssen wir denn Mimi einschläfern lassen?“ „Weil sie leidet und wir haben die Verantwortung, sie nicht leiden zu lassen“ Da musste der Große auch erst mal nachdenken, aber hat es nach kurzer Zeit auch verstanden.

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